Die deutsche Industrie steht nach Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) unter erheblichem Druck. Nach Angaben des Verbandes gehen derzeit jeden Monat rund 15.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner sieht die Entwicklung kritisch, hält eine Trendwende aber weiterhin für möglich.
Beschäftigungsabbau wird zum Dauerproblem
Der Rückgang der Arbeitsplätze ist für den Industriestandort Deutschland ein deutliches Warnsignal. Nach Einschätzung des BDI handelt es sich nicht um eine kurzfristige Schwächephase, sondern um eine Entwicklung, die sich bereits über längere Zeit abzeichnet.
15.000 Industriearbeitsplätze pro Monat entsprechen rechnerisch rund 180.000 Stellen im Jahr, sofern sich das Tempo über zwölf Monate fortsetzt. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Deutschland seine industrielle Basis sichern und gleichzeitig den notwendigen technologischen Wandel bewältigen kann.
Gönner bezeichnete die Lage der deutschen Industrie als „kritisch“. Gleichzeitig sieht sie Möglichkeiten, den schleichenden Verlust industrieller Wertschöpfung zu stoppen.
KI eröffnet neue Möglichkeiten
Eine wichtige Rolle spielt nach Ansicht der BDI-Chefin die technologische Entwicklung. Die Industrie habe sich in ihrer Geschichte immer wieder verändert und stehe nun durch Künstliche Intelligenz (KI) vor einer weiteren grundlegenden Umwälzung.
Gerade in der Produktion sieht Gönner erhebliche Chancen. „Gerade in der industriellen Produktion haben wir alle Chancen“, sagte sie.
Der entscheidende Vorteil deutscher Industrieunternehmen könne dabei in den Daten und Erfahrungen liegen, die unmittelbar in den Betrieben entstehen. Produktionsprozesse liefern große Mengen an Daten. Hinzu kommen praktische Anwendungserfahrungen und spezifisches Prozesswissen.
Diese Kombination könnte für die Entwicklung neuer KI-Anwendungen besonders wertvoll sein. Laut Gönner verfügen große Technologieunternehmen nicht über diese industrielle Datenbasis und die entsprechende Anwendungskompetenz. Genau deshalb hätten sie ein Interesse daran, Zugang zu diesen Ressourcen zu erhalten.
Wettbewerbsfähigkeit unter Druck
Neben den technologischen Veränderungen bereiten dem BDI vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Sorgen. Deutschland habe in den vergangenen Jahren Wettbewerbsfähigkeit verloren, sagte Gönner.
Für Unternehmen bedeutet dies einen zunehmenden Kostendruck. Gleichzeitig müssen sie in neue Technologien, moderne Produktionsverfahren und die Umstellung ihrer Geschäftsmodelle investieren. Damit entsteht ein schwieriges Spannungsfeld: Gerade in einer Phase sinkender Wettbewerbsfähigkeit sind hohe Investitionen notwendig, um langfristig wieder stärker zu werden.
Gönner sieht deshalb die Politik in Deutschland und Europa besonders gefordert. Entscheidend seien Rahmenbedingungen, die Unternehmen Investitionen in die notwendige Transformation ermöglichen.
USA und China verschärfen den Konkurrenzkampf
Zusätzlichen Druck erzeugen internationale Entwicklungen. Nach Einschätzung des BDI haben sowohl die Zollpolitik der USA als auch Marktverzerrungen in China die Wettbewerbsbedingungen für deutsche Unternehmen verschärft.
Für die exportorientierte deutsche Industrie ist diese Entwicklung besonders relevant. Unternehmen müssen sich gleichzeitig auf veränderte Handelsbedingungen, stärkeren internationalen Wettbewerb und den technologischen Wandel einstellen.
Gönner fordert deshalb, wirtschaftspolitische Entscheidungen stärker unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbsfähigkeit zu betrachten. Bei politischen Maßnahmen müsse man sich immer wieder fragen: „Zahlt sie auf Wettbewerbsfähigkeit ein? Hilft sie Unternehmen, wieder wettbewerbsfähiger zu werden?“
Industrie bleibt ein zentraler Arbeitgeber
Die Bedeutung der deutschen Industrie zeigt auch die Größe der vom BDI vertretenen Unternehmenslandschaft. Der Verband versteht sich als Interessenvertretung von rund 100.000 großen, mittleren und kleinen Unternehmen.
Zusammen beschäftigen diese Unternehmen mehr als acht Millionen Menschen. Ein anhaltender Abbau industrieller Arbeitsplätze hätte deshalb nicht nur Auswirkungen auf einzelne Betriebe, sondern könnte auch für den gesamten deutschen Arbeitsmarkt und die wirtschaftliche Entwicklung erhebliche Folgen haben.
Gleichzeitig macht die von Gönner hervorgehobene Bedeutung von Innovation deutlich, dass der industrielle Wandel nicht ausschließlich als Risiko betrachtet wird. KI, Automatisierung und neue Produktionsverfahren könnten für Unternehmen neue Wachstumsfelder eröffnen – vorausgesetzt, die wirtschaftlichen Bedingungen ermöglichen entsprechende Investitionen.
Transformation entscheidet über den Industriestandort
Deutschland steht damit vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits muss die schleichende Deindustrialisierung gebremst werden, andererseits verlangt der technologische Wandel erhebliche Veränderungen innerhalb der Unternehmen.
Für den BDI kommt es deshalb darauf an, Innovation und Investitionen stärker zu fördern und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu verbessern. Die industrielle Produktion könnte dabei gerade wegen ihrer Daten, Prozesse und praktischen Erfahrung zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die nächste technologische Entwicklungsstufe werden.