Die deutsche Autoindustrie steht vor einem weiteren schweren Konflikt. Bei Mercedes-Benz verschärft sich der Streit zwischen Unternehmensführung und Betriebsrat über die Kosten und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Standorte. Das Management stellt erstmals offiziell die Schließung von zwei Werken in Deutschland in Aussicht, sollte es nicht gelingen, die Kosten deutlich zu reduzieren.

Parallel zeichnet sich in China ein schwieriges Marktumfeld ab. Führende Manager von Volkswagen und BMW rechnen mit einem erheblichen Rückgang der dortigen Autoverkäufe. Die Entwicklung könnte auch den internationalen Preisdruck auf die Hersteller weiter verstärken.
Mercedes setzt den deutschen Standorten ein Ultimatum
Produktionschef Michael Schiebe erklärte bei einer Betriebsversammlung im Mercedes-Werk Sindelfingen, das Unternehmen wolle grundsätzlich alle deutschen Produktionsstandorte erhalten.
„Es ist unser klares Ziel, alle deutschen Standorte zu erhalten“, sagte Schiebe. Gleichzeitig machte er deutlich, dass dieses Ziel aus Sicht des Managements nur unter bestimmten wirtschaftlichen Voraussetzungen erreichbar sei.
Der entscheidende Punkt sind die Kosten. Schiebe warnte ausdrücklich: „Gelingt uns dies nicht, werden wir ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrain-Werk schließen müssen.“
Damit bestätigt Mercedes erstmals offiziell entsprechende Warnungen des Vorstands, über die zuvor bereits berichtet worden war. Für die Beschäftigten bedeutet die Ankündigung eine erhebliche Verschärfung des Konflikts.
Streit über Arbeitszeit und Produktivität
Bereits im Juni hatte die Unternehmensführung erklärt, dass die Produktivität an den deutschen Standorten steigen müsse. Hintergrund sind unter anderem die Belastungen durch das schwache China-Geschäft sowie höhere US-Zölle.
Um die Kosten zu drücken, fordert das Management unter anderem, dass die Beschäftigten für das gleiche Geld länger arbeiten. Der Betriebsrat lehnt diese Forderung ab.
Seitdem führen beide Seiten Gespräche über mögliche Maßnahmen. Eine endgültige Einigung gibt es jedoch bislang nicht. Der Gesamtbetriebsrat betonte, es sei „weder etwas verhandelt noch beschlossen“.
Damit bleibt offen, welche konkreten Veränderungen letztlich umgesetzt werden könnten. Fest steht lediglich, dass Mercedes die Kostenstruktur in Deutschland als entscheidenden Faktor für die Zukunft der Standorte betrachtet.
Betriebsrat kündigt Widerstand an
Die Arbeitnehmervertretung reagiert entsprechend kritisch auf die Drohung mit Werksschließungen. Der Konflikt zwischen Management und Betriebsrat dürfte sich damit weiter verschärfen.
Auf der einen Seite steht die Forderung des Unternehmens, die deutschen Produktionsstrukturen wirtschaftlich wettbewerbsfähiger zu machen. Auf der anderen Seite geht es für die Arbeitnehmervertretung um den Erhalt der Arbeitsplätze und die Bedingungen, unter denen künftig produziert werden soll.
Besonders brisant ist dabei, dass Mercedes nicht mehr nur allgemein vor steigenden Kosten warnt, sondern konkret zwei deutsche Werke als gefährdet bezeichnet.
China wird zum Problem für die Autobranche
Die Schwierigkeiten bei Mercedes stehen zugleich in einem größeren Zusammenhang. Auch andere deutsche Autobauer blicken mit Sorge auf die Entwicklung des chinesischen Marktes.
Ralf Brandstätter, China-Chef von Volkswagen, erwartet für das laufende Jahr einen deutlichen Einbruch bei den Autoverkäufen in der Volksrepublik. Nach seiner Einschätzung könnte der Markt um rund 20 Prozent schrumpfen.
Brandstätter verglich die aktuelle Entwicklung sogar mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Für deutsche Hersteller ist diese Entwicklung besonders relevant, weil China über viele Jahre hinweg zu den wichtigsten Absatzmärkten der internationalen Automobilindustrie gehörte.
BMW erwartet weniger als 20 Millionen Neuwagen
Auch BMW rechnet mit einer erheblichen Abschwächung. BMW-Chef Milan Nedeljkovic erklärte, der chinesische Neuwagenmarkt könnte unter die Marke von 20 Millionen Fahrzeugen fallen.
Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden in China noch rund 24 Millionen Autos verkauft. Damit würde der Markt innerhalb eines Jahres um mehrere Millionen Fahrzeuge schrumpfen.
Besonders problematisch ist laut Nedeljkovic jedoch nicht nur der Rückgang der Nachfrage. Gleichzeitig werde die Produktion in China bislang nicht entsprechend reduziert.
Fast 30 Millionen Autos treffen auf schwächere Nachfrage
Nach Angaben von Nedeljkovic liegt die chinesische Fahrzeugproduktion derzeit bei nahezu 30 Millionen Autos. Damit besteht eine erhebliche Differenz zwischen der Produktionsmenge und der erwarteten Nachfrage im Inland.
BMWs China-Chef bringt die daraus entstehende Entwicklung auf eine konkrete Zahl: „Das bedeutet: Fast zehn Millionen Autos gehen in den Export, das bringt die Autopreise weltweit unter Druck.“
Sollte ein großer Teil der überschüssigen Fahrzeuge tatsächlich auf ausländische Märkte gelangen, könnte dies die Konkurrenzsituation für Hersteller in anderen Regionen weiter verschärfen.
Chinesische Fahrzeuge erhöhen den Preisdruck
Nedeljkovic sieht darin auch einen Grund für die angespannte Situation auf dem europäischen Automarkt. Seiner Einschätzung zufolge seien die Preise zahlreicher chinesischer Fahrzeuge nicht ausschließlich durch klassische marktwirtschaftliche Mechanismen bestimmt.
Dadurch entstehe in Europa ein erheblicher Preisdruck. Gleichzeitig nehme die Bereitschaft zu, die heimischen Automobilmärkte stärker zu schützen.
Nedeljkovic sagte: „Das führe dazu, dass in Europa protektionistische Tendenzen entstünden und es Bestrebungen gebe, die eigenen Märkte zu schützen.“
Damit treffen mehrere Belastungen gleichzeitig auf die deutschen Autobauer: schwächere Nachfrage in China, höhere Kosten, internationale Handelskonflikte und ein zunehmender Preiskampf.
Deutsche Hersteller unter mehrfacher Belastung
Für Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen verschärft sich damit das wirtschaftliche Umfeld an mehreren Fronten. In Deutschland geht es um die Kosten der Produktion und die Zukunft der Standorte. In China sinkt gleichzeitig die Nachfrage, während die Produktionskapazitäten weiterhin hoch bleiben.
Hinzu kommen US-Zölle, die Mercedes bereits als Belastungsfaktor genannt hat. Gleichzeitig könnten steigende Exportmengen chinesischer Hersteller den Wettbewerb auf den europäischen Märkten weiter intensivieren.
Bei Mercedes konzentriert sich der Konflikt derzeit unmittelbar auf die deutschen Werke. Ob es tatsächlich zu Schließungen kommt, hängt nach den bisherigen Aussagen davon ab, ob Management und Arbeitnehmervertretung einen Weg finden, die Kosten ausreichend zu senken.