Deutschlands Industrie verliert den nächsten Weltmarktführer 

Juni 11, 2026
deutschlands-industrie-verliert-den-nächsten-weltmarktführer

Perlon wird zum nächsten Symbol für den Verlust industrieller Substanz

Der Verkauf der Perlon-Gruppe an den chinesischen Faserhersteller Wuxi Xingda Nylon ist weit mehr als ein gewöhnlicher Eigentümerwechsel. Er steht beispielhaft für eine Entwicklung, die in Deutschland immer schwerer zu übersehen ist: Immer mehr bedeutende Industrieunternehmen geraten in die Krise und landen schließlich in ausländischen Händen, besonders häufig bei Investoren aus China. Im Fall von Perlon wiegt das besonders schwer, weil das Unternehmen in seiner Nische als Weltmarktführer gilt.

Perlon produziert synthetische Filamente, also Kunststofffasern, die unter anderem in Papiermaschinen, Bürsten und der Medizintechnik eingesetzt werden. Solche Unternehmen stehen selten im täglichen Rampenlicht, sind aber oft unverzichtbare Säulen industrieller Wertschöpfung. Genau deshalb ist ihr Verlust für den Standort Deutschland so gravierend. Wenn ein Weltmarktführer nicht mehr eigenständig bestehen kann und nach einer Insolvenz an einen chinesischen Käufer geht, dann ist das kein Einzelfall mehr, sondern ein Symptom.

Die Insolvenz begann im Herbst 2025

Der Niedergang nahm am 1. Oktober 2025 eine entscheidende Wendung. Damals musste Perlon Insolvenz anmelden. Das Amtsgericht Augsburg leitete daraufhin ein Verfahren in Eigenverwaltung ein. Nun steht fest, dass die sieben Gesellschaften der Gruppe in Deutschland, Polen und China an Wuxi Xingda Nylon verkauft werden. Über den Kaufpreis wurde bislang nichts bekannt.

Für die Belegschaft ist die Nachricht zwiespältig. Von rund 510 Arbeitsplätzen an den drei deutschen Standorten in Bobingen, Munderkingen und Wald-Michelbach sollen etwa 450 Stellen erhalten bleiben. Rund 60 Arbeitsplätze fallen weg. Für viele Beschäftigte ist der Einstieg eines Investors damit zwar die deutlich bessere Alternative zu einer Zerschlagung oder vollständigen Schließung. Für Deutschland bleibt es trotzdem ein Verlust. Ein Weltmarktführer bleibt zwar bestehen, aber nicht mehr unter eigener deutscher Kontrolle.

Hohe Kosten und schwache Nachfrage drängten Perlon in die Krise

Die Ursachen für die Insolvenz wirken auf den ersten Blick simpel, stehen aber in Wahrheit für ein größeres Problem der gesamten Industrie. Perlon litt vor allem unter einer sinkenden Nachfrage. Besonders der europäische Markt für Papiermaschinen, ein zentrales Absatzfeld des Unternehmens, entwickelte sich schwach. Gleichzeitig stiegen die Belastungen am Standort Deutschland deutlich.

Zu den wichtigsten Problemfaktoren gehörten:

  • stark gestiegene Energiekosten
  • höhere Lohnkosten
  • sinkende Nachfrage in wichtigen Absatzmärkten
  • massiver internationaler Preisdruck
  • zunehmende Konkurrenz aus China

Gerade diese Kombination ist gefährlich. Wenn die Nachfrage zurückgeht und zugleich die Produktionskosten steigen, geraten selbst starke Spezialisten schnell unter Druck. Wenn dann noch Wettbewerber aus Ländern mit niedrigeren Kosten den Markt bearbeiten, schwindet die Luft sehr schnell.

Die Probleme von Perlon sind keine Ausnahme

Der bisherige Eigentümer, der Münchner Finanzinvestor Serafin der Unternehmerfamilie Haindl, zog schließlich die Reißleine und trennte sich von dem Geschäft. Doch der Fall Perlon steht nicht allein. Er ist vielmehr Ausdruck einer Lage, unter der weite Teile der deutschen Industrie leiden.

Besonders die Chemieindustrie kämpft seit längerem mit einer schwachen Auslastung. Im zweiten Quartal 2025 nutzte die Branche nur noch 72 Prozent ihrer Produktionskapazitäten. Das ist der niedrigste Wert seit mehr als 30 Jahren. Eine solche Zahl ist alarmierend. Denn eine dauerhaft niedrige Auslastung bedeutet:

  • Anlagen arbeiten nicht wirtschaftlich genug
  • Fixkosten verteilen sich auf zu wenig Produktion
  • Investitionen werden verschoben oder gestrichen
  • der Wettbewerbsdruck nimmt weiter zu

Hinzu kommt, dass laut dem Verband der Chemischen Industrie rund 80 Prozent der befragten Unternehmen Preiserhöhungen als letzten Ausweg sehen. Das ist jedoch keine Lösung, sondern eher ein Zeichen der Verzweiflung. Denn höhere Preise verschlechtern die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt zusätzlich.

Chinesische Investoren kaufen sich gezielt in Krisenunternehmen ein

Besonders auffällig ist, dass chinesische Käufer längst nicht mehr nur nach starken, gesunden Unternehmen greifen. Immer häufiger übernehmen sie angeschlagene oder bereits insolvente Mittelständler, also genau jene Firmen, deren finanzielle Reserven weitgehend aufgebraucht sind. Der Grund dafür liegt auf der Hand: In solchen Situationen sind Übernahmen deutlich günstiger.

Zwischen 2006 und 2021 beteiligten sich chinesische Investoren an rund 442 deutschen Unternehmen oder übernahmen sie vollständig. Diese Zahl zeigt, dass es sich nicht um ein Randphänomen handelt. In den vergangenen Jahren hat sich das Muster allerdings verschärft. Chinesische Investoren warten zunehmend, bis Unternehmen wirtschaftlich kaum noch handlungsfähig sind, und steigen dann zu besonders günstigen Konditionen ein.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Mayer & Cie. GmbH & Co. KG aus Albstadt. Auch dieser mehr als 100 Jahre alte Maschinenbauer und Weltmarktführer wechselte erst vor wenigen Wochen in chinesischen Besitz. Der Eindruck verdichtet sich: Nicht nur einzelne Firmen geraten unter Druck, sondern ganze industrielle Kernbereiche.

China drängt nicht nur über Käufe, sondern auch über Exporte in den Markt

Die Übernahmen sind allerdings nur ein Teil der Entwicklung. China gewinnt auch über den Außenhandel massiv an Einfluss auf dem deutschen Markt. Die Zahlen für 2025 zeigen das deutlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war China erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner.

Dabei entwickelten sich die Handelsströme sehr unterschiedlich:

  • deutsche Importe aus China stiegen auf 170,6 Milliarden Euro
  • das entspricht einem Plus von 8,8 Prozent
  • deutsche Exporte nach China sanken auf 81,3 Milliarden Euro
  • das entspricht einem Minus von 9,7 Prozent

Dadurch stieg das Handelsdefizit mit China auf 89,3 Milliarden Euro, nach 66,9 Milliarden Euro im Jahr zuvor. Das ist ein drastischer Sprung. Wenn Importe stark steigen und Exporte gleichzeitig fallen, bedeutet das nicht nur ein wirtschaftliches Ungleichgewicht. Es ist auch ein Hinweis darauf, dass deutsche Unternehmen in vielen Bereichen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Deutschlands Industrie verliert an Boden

Das Institut der deutschen Wirtschaft wertet diese Entwicklung als starkes Indiz für Wettbewerbsverzerrungen durch China. Doch selbst ohne diesen Vorwurf bleibt die Lage ernst genug. Deutschland ist in vielen Bereichen nicht mehr so konkurrenzfähig, wie es lange war. Hohe Kosten, schwache Auslastung, sinkende Nachfrage und aggressive Konkurrenz aus China greifen ineinander.

Der Fall Perlon zeigt diese Entwicklung in verdichteter Form:

  • ein Weltmarktführer gerät in die Insolvenz
  • hohe Energie- und Lohnkosten belasten die Produktion
  • die Nachfrage in Europa schwächelt
  • chinesische Konkurrenz drückt die Preise
  • am Ende übernimmt ein chinesischer Investor

Genau darin liegt die politische und wirtschaftliche Brisanz. Deutschland verliert nicht nur Arbeitsplätze oder einzelne Werke. Es verliert Schritt für Schritt Kontrolle über industrielle Kompetenz, Spezialisierung und technologische Stärke.

nicht verpassen