Rekordtief bei der Zuversicht trifft auf neue Wirtschaftssorgen
Die Stimmung in Deutschland verdunkelt sich spürbar. Nur noch 14 Prozent der Bürger sind der Ansicht, dass sich das Land auf dem richtigen Weg befindet. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung vor 15 Jahren. Gleichzeitig sagen 86 Prozent, Deutschland entwickle sich in die falsche Richtung. Damit ist der Anteil der Pessimisten nicht nur deutlich höher als im Vormonat, sondern auch klar über dem Niveau des Vorjahres.
Diese Zahlen sind deshalb so brisant, weil sie nicht isoliert stehen. Parallel dazu verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage. Die deutschen Industrieaufträge sind im April um 3,8 Prozent gegenüber dem Vormonat eingebrochen. Erwartet worden war lediglich ein Minus von 2,0 Prozent. Der Rückgang fällt also fast doppelt so stark aus wie prognostiziert. Wenn sinkende Zuversicht und ein neuer Auftragseinbruch zusammenkommen, entsteht ein Bild, das weit über normale Konjunkturschwankungen hinausgeht.
Noch nie waren so wenige Deutsche optimistisch
Der Vertrauensverlust ist tief. Dass nur noch 14 Prozent der Menschen einen positiven Kurs erkennen, markiert einen historischen Tiefpunkt. Selbst nach dem Bruch der Ampelkoalition im Februar 2025 lag der Anteil der Zuversichtlichen mit 17 Prozent noch höher. Deutschland ist damit nicht nur unzufriedener als früher, sondern auch deutlich negativer gestimmt als viele andere Länder.
Im internationalen Vergleich ist das auffällig. Im Durchschnitt sagen in anderen Staaten 39 Prozent, ihr Land sei auf dem richtigen Weg. 61 Prozent sehen dort eine falsche Entwicklung. In Deutschland liegt das Verhältnis mit 14 zu 86 Prozent drastisch schlechter. Das ist keine normale Skepsis mehr, sondern ein massives Misstrauenssignal.
Inflation drückt stärker als Migration
Besonders interessant ist, wovor sich die Menschen derzeit am meisten fürchten. An erster Stelle steht nicht die Migration, sondern die Geldentwertung. 34 Prozent nennen inzwischen die Inflation als größte Sorge. Das sind drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Dahinter folgen Armut und soziale Ungerechtigkeit mit 32 Prozent. Auf 27 Prozent kommen sowohl die Angst vor Kriminalität und Gewalt als auch die Sorge über militärische Konflikte zwischen Staaten. Die Angst vor unzureichender Migrationskontrolle sank dagegen deutlich um elf Prozentpunkte auf ebenfalls 27 Prozent.
Diese Verschiebung ist bezeichnend. Die Bürger reagieren zunehmend auf das, was sie im eigenen Alltag unmittelbar trifft:
- steigende Preise
- schwindende Kaufkraft
- höhere Abgaben
- wachsende Unsicherheit bei Energie und Konsum
Genau diese Faktoren scheinen das Meinungsklima inzwischen stärker zu prägen als frühere Debatten über Zuwanderung.
Der Iran-Krieg drückt direkt auf den Geldbeutel
Als wichtiger Auslöser für die neue Stimmungslage gilt der Iran-Krieg. Die Blockade der Straße von Hormus verteuert die Energiepreise und wirkt inzwischen nicht mehr nur an der Tankstelle, sondern auch bei vielen Konsumgütern. Damit wird aus einem geopolitischen Konflikt ein sehr konkreter Alltagsfaktor für Millionen Menschen.
Der Politikforscher Robert Grimm beschreibt den Mechanismus klar: „Die Blockade der Straße von Hormus infolge des Kriegs mit dem Iran verteuert die Energiepreise. Zunächst war das vor allem an der Zapfsäule spürbar; inzwischen schlägt es auch auf die Preise vieler Konsumgüter durch.“
Genau darin liegt die Sprengkraft. Internationale Krisen bleiben nicht mehr abstrakt, sondern wandern direkt auf Kassenzettel, Heizkostenabrechnungen und Einkaufsrechnungen.
Viele Bürger fürchten eine doppelte Belastung
Zu den höheren Preisen kommt ein weiterer Punkt hinzu: die Angst vor noch höheren Abgaben. Diskutiert werden steigende Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge, höhere Beitragsbemessungsgrenzen, zusätzliche Konsumsteuern, eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung und Reformen beim Ehegattensplitting. Für viele Bürger entsteht damit das Gefühl, an zwei Fronten gleichzeitig unter Druck zu geraten.
Die Wahrnehmung ist eindeutig:
- auf der einen Seite steigen die Preise
- auf der anderen Seite wachsen die staatlichen und sozialen Belastungen
Wenn sich dieses Gefühl verfestigt, kippt das Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung besonders schnell. Genau das scheint derzeit zu geschehen.
Industrieaufträge brechen viel stärker ein als erwartet
Parallel zur schlechten Stimmung verschlechtert sich die Lage in der Industrie. Die Auftragseingänge gingen im April um 3,8 Prozent zurück. Erwartet worden war nur ein Minus von 2,0 Prozent. Damit fällt der Einbruch fast doppelt so stark aus wie angenommen.
Besonders problematisch ist, dass der Rückgang breit gestreut ist. Er betrifft nicht nur einzelne Nischen, sondern zentrale Säulen der deutschen Industrie. Die Aufträge aus dem Ausland sanken um 4,2 Prozent. Innerhalb dieser Zahl brachen die Bestellungen aus der Euro-Zone sogar um 11,1 Prozent ein. Die Inlandsaufträge gingen um 2,9 Prozent zurück.
Diese Werte zeigen, dass die Schwäche nicht nur aus Deutschland selbst kommt. Auch aus wichtigen europäischen Märkten fehlt zunehmend der Impuls.
Schlüsselbranchen geraten unter massiven Druck
Besonders hart trifft es jene Sektoren, die lange als Kern der deutschen Industrie galten. Im Vergleich zum Vormonat sanken die Neugeschäfte:
- in der Automobilindustrie um 5,3 Prozent
- bei den Herstellern elektrischer Ausrüstung um 16,3 Prozent
- im Maschinenbau um 7,4 Prozent
Selbst ohne Berücksichtigung von Großaufträgen gingen die Bestellungen um 3,8 Prozent zurück. Das zeigt, dass der Rückgang nicht bloß auf einzelne schwankungsanfällige Großprojekte zurückgeht, sondern tief im industriellen Alltag angekommen ist.
Die Wirtschaftskrise greift den industriellen Kern an
Die Warnungen aus der Industrie fallen entsprechend drastisch aus. Der Vorsitzende von Gesamtmetall, Udo Dinglreiter, spricht von einer „katastrophalen Stimmung“. Noch deutlicher wird seine Diagnose mit dem Satz: „Jetzt geht es an den industriellen Kern unseres Landes, an die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, an den Maschinen- und den Anlagenbau.“
Dinglreiter sieht das Geschäftsmodell dieser Branchen inzwischen grundsätzlich infrage gestellt. Seit 2019 habe Deutschland kein Wachstum mehr verzeichnet. In diesem Zeitraum seien 300.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen. Hinzu komme ein fortlaufender Aderlass von 10.000 Stellen pro Monat.
Das ist mehr als eine konjunkturelle Schwächephase. Wenn Monat für Monat weitere Stellen verschwinden, Investitionen zurückgehalten werden und ganze Produktionsbereiche ins Ausland abwandern, wächst der Eindruck einer schleichenden Deindustrialisierung.
Ölpreis, Lieferengpässe und Investitionsstau verschärfen die Lage
Der hohe Ölpreis gilt dabei als zusätzlicher Belastungsfaktor. Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank, warnt, der hohe Ölpreis fordere nun „seinen Tribut“. Zugleich verweist er darauf, dass manche zu optimistische Wachstumsprognosen schon vor dem Iran-Krieg unrealistisch gewesen seien. Der Krieg sei also nicht die alleinige Ursache, aber ein starker Beschleuniger der Schwäche.
Auch das Ifo-Institut sieht keine schnelle Entspannung. Im Mai berichteten 15,9 Prozent der Betriebe von Problemen bei der Versorgung mit Vorprodukten, nach 13,8 Prozent im April. Die Lieferketten bleiben also angespannt. Besonders betroffen sind Branchen mit hohem Bedarf an öl- und energieintensiven Vorprodukten.
Dazu kommt ein weiterer langfristiger Schaden: Unternehmen investieren laut Dinglreiter vielerorts nicht einmal mehr ausreichend, um ihre bestehende Substanz zu erhalten. Wenn Maschinen, Anlagen und Produktionstechnik veralten, sinkt die Wettbewerbsfähigkeit weiter. Dann wird aus einer aktuellen Krise schnell ein struktureller Rückstand.
Die Mischung aus Abstiegsangst und Wirtschaftsschwäche wird gefährlich
Die Kombination aus Rekordpessimismus in der Bevölkerung und schrumpfenden Industrieaufträgen ist politisch und wirtschaftlich heikel. Die Menschen sehen steigende Preise, höhere Belastungen und eine immer schwächere industrielle Basis. Gleichzeitig fehlen überzeugende Signale einer raschen Erholung.
Die wichtigsten Zahlen sprechen eine klare Sprache:
- nur 14 Prozent sehen Deutschland auf dem richtigen Weg
- 86 Prozent halten den Kurs für falsch
- Industrieaufträge im April: minus 3,8 Prozent
- Auslandsaufträge: minus 4,2 Prozent
- Euro-Zone: minus 11,1 Prozent
- Autoindustrie: minus 5,3 Prozent
- elektrische Ausrüstung: minus 16,3 Prozent
- Maschinenbau: minus 7,4 Prozent
- seit 2019 verlorene Industriearbeitsplätze: 300.000
- monatlicher Stellenabbau: 10.000
Diese Werte beschreiben kein vorübergehendes Zwischentief, sondern ein Land, dessen wirtschaftliche und gesellschaftliche Zuversicht gleichzeitig erodiert.