Deutschlands Schüler stürzen auf neues Pisa-Tief

September 8, 2026
Deutschlands Schüler stürzen auf neues Pisa-Tief

Die deutschen Schülerinnen und Schüler haben bei der aktuellen Pisa-Untersuchung so schwach abgeschnitten wie noch nie seit Beginn der internationalen Vergleichsstudie. Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang bei der Lesekompetenz, aber auch Mathematik und Naturwissenschaften bleiben hinter früheren deutschen Ergebnissen zurück.

Bei den getesteten 15-Jährigen wurden im Lesen durchschnittlich 465 Punkte erreicht. Zum Vergleich: Beim ersten Pisa-Test lagen deutsche Schülerinnen und Schüler noch bei 483 Punkten. In Mathematik wurden 464 Punkte erzielt, in den Naturwissenschaften 486 Punkte.

Der internationale Referenzwert liegt bei 500 Punkten. Deutschland liegt damit zwar weiterhin knapp über dem jeweiligen OECD-Durchschnitt, doch die langfristige Entwicklung gibt Anlass zur Sorge.

Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften verlieren

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Probleme nicht auf einen einzelnen Bildungsbereich beschränken.

Die deutschen Durchschnittswerte:

  • Lesen: 465 Punkte
  • Mathematik: 464 Punkte
  • Naturwissenschaften: 486 Punkte

Zum Vergleich liegen die Durchschnittswerte der insgesamt 91 untersuchten Länder bei:

  • Lesen: 461 Punkte
  • Mathematik: 463 Punkte
  • Naturwissenschaften: 482 Punkte

Deutschland liegt somit zwar in allen drei Bereichen oberhalb des internationalen OECD-Mittelwerts. Entscheidend ist jedoch die Entwicklung innerhalb Deutschlands: Das Land verliert im Vergleich zu früheren Pisa-Erhebungen deutlich an Leistungsfähigkeit.

Besonders alarmierend ist der langfristige Rückgang der Lesekompetenz. Gerade sie gilt als grundlegende Voraussetzung dafür, komplexe Texte zu verstehen, Informationen einzuordnen und Wissen in anderen Fächern erfolgreich anzuwenden.

Asiatische Bildungssysteme dominieren

An der Spitze des internationalen Vergleichs stehen vor allem asiatische Bildungssysteme. Besonders hohe Ergebnisse erzielten Singapur, Taiwan und Japan sowie vier chinesische Großstädte.

Auch innerhalb Europas zeigen sich erhebliche Unterschiede. Estland erreicht die besten europäischen Werte in Mathematik und Naturwissenschaften. Bei der Lesekompetenz liegen die Schülerinnen und Schüler aus Irland an der europäischen Spitze.

Der internationale Vergleich macht damit deutlich, dass Deutschlands Position keineswegs selbstverständlich ist. Andere Bildungssysteme schaffen es offenbar besser, grundlegende Kompetenzen bei Jugendlichen zu sichern.

Migration erklärt nur einen Teil des Rückgangs

Ein weiterer Faktor, der in der Analyse eine Rolle spielt, ist die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft. Der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist gestiegen.

Die OECD weist darauf hin: „Dieser Trend wäre weniger deutlich gewesen, wenn der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund nicht größer geworden wäre.“

Die Leistungsunterschiede zwischen einzelnen Gruppen sind dabei erheblich. Bei den Naturwissenschaften erreichten Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund durchschnittlich 521 Punkte.

Jugendliche, die erst im Alter von mindestens 11 Jahren nach Deutschland eingewandert waren, kamen dagegen lediglich auf 392 Punkte. Schülerinnen und Schüler, die bereits früher eingewandert waren, erzielten 423 Punkte.

Bei in Deutschland geborenen Jugendlichen mit Migrationshintergrund wurden durchschnittlich 463 Punkte erreicht.

Diese Zahlen zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Zuwanderung, Spracherwerb und Bildungsleistung. Die OECD warnt jedoch gleichzeitig davor, die Ursachen des schlechten Abschneidens allein auf die demografische Entwicklung zu reduzieren.

OECD sieht andere Hauptursachen

Nach Einschätzung der Pisa-Forscher sind Veränderungen innerhalb der Schülerschaft nicht der entscheidende Grund für den langfristigen Leistungsrückgang.

Die Autoren betonen ausdrücklich, demografische Veränderungen seien „nie der Haupttreiber hinter der Tendenz“.

Insbesondere beim Lesen beobachten die Forscher zunehmende Schwierigkeiten, Aufgaben über längere Zeit konzentriert zu bearbeiten. Die Schüler hätten wachsende Probleme mit Aufgaben, die „konstantes Engagement erfordern“.

Damit rückt ein Problem in den Mittelpunkt, das über reine Wissensvermittlung hinausgeht: Konzentration, Ausdauer und selbstständiges Arbeiten werden offenbar schwieriger.

Smartphones und digitale Medien verändern Lernen

Die Pisa-Analyse verweist zugleich auf Veränderungen außerhalb des Klassenzimmers. Das Leseverhalten Jugendlicher hat sich erheblich gewandelt. Gleichzeitig verbringen Kinder und Jugendliche zunehmend Zeit mit digitalen Geräten.

Hinzu kommen die langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise, die den schulischen Alltag über längere Zeit massiv verändert hat.

Damit treffen mehrere Entwicklungen aufeinander:

  • weniger traditionelles Lesen,
  • intensivere Nutzung digitaler Geräte,
  • veränderte Konzentrationsgewohnheiten,
  • veränderte Lernbedingungen,
  • Nachwirkungen der Corona-Zeit.

Gerade die Verschiebung von längeren Texten hin zu kurzen digitalen Inhalten könnte für die Entwicklung der Lesekompetenz von Bedeutung sein. Die Pisa-Ergebnisse zeigen jedenfalls, dass die Fähigkeit, sich über längere Zeit mit anspruchsvollen Aufgaben auseinanderzusetzen, zunehmend zum Problem wird.

Bildungsministerin sieht Schulen vor neuen Aufgaben

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) verweist auf einen grundlegenden Wandel der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

„Die Schülerschaft hat sich verändert, keineswegs nur durch Zuwanderung, sondern auch durch Erziehungsmethoden, durch die Art und Weise, wie Familien leben, die Anzahl der Alleinerziehenden, den Einfluss von Bildschirmzeiten und durch Social Media.“

Nach ihrer Einschätzung müssen Schulen heute deshalb mehr leisten als früher. Bildung und Erziehung seien stärker miteinander verbunden.

Prien verwies zugleich auf bereits eingeleitete Maßnahmen. Dazu gehören insbesondere eine stärkere Bedeutung der frühkindlichen Bildung sowie bessere Übergänge zwischen Kindertagesstätte und Schule.

Bildungsökonom fordert grundlegenden Kurswechsel

Deutlich schärfer fällt die Bewertung von Ludger Wößmann aus. Der Leiter des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik bezeichnete die Entwicklung als „eklatanten Abstieg“.

Aus seiner Sicht muss das Ergebnis Konsequenzen für die Bildungspolitik haben. Wößmann fordert ein „Umdenken in der Bildungspolitik“.

Besonders wichtig sei die Konzentration auf die grundlegenden Fähigkeiten. „Die Vermittlung der Basiskompetenzen muss höchste Priorität haben“, erklärte der Bildungsökonom.

Dazu zählen insbesondere Lesen, Schreiben und Rechnen. Ohne diese Fähigkeiten wird es für Schülerinnen und Schüler schwieriger, in weiterführenden Bildungsbereichen erfolgreich zu sein.

Wößmann fordert strengere Bildungsstandards

Wößmann sieht mehrere Stellschrauben, an denen die Bildungspolitik ansetzen sollte.

Zu seinen Forderungen gehören:

  • Anhebung der während der Corona-Lockdowns abgesenkten Standards
  • Eindämmung der sogenannten „Noteninflation“
  • Einführung bundesweit einheitlicher Tests
  • stärkere Kontrolle grundlegender Kompetenzen
  • frühzeitige Erkennung von Sprach- und Bildungsdefiziten

Besonders wichtig ist aus seiner Sicht die Förderung bereits vor dem Schuleintritt.

Er schlägt verpflichtende Sprachtests für viereinhalbjährige Kinder nach dem Hamburger Modell vor. Kinder, die dabei ein bestimmtes Mindestniveau nicht erreichen, sollen zusätzliche Unterstützung erhalten.

Diese Förderung könnte entweder bereits in der Kita oder später in der Grundschule erfolgen.

Frühe Sprachförderung als Schlüssel

Gerade die Sprachkompetenz spielt bei der weiteren schulischen Entwicklung eine zentrale Rolle. Wer bereits beim Schuleintritt Schwierigkeiten hat, Anweisungen und Texte zu verstehen, startet mit einem erheblichen Nachteil.

Eine frühzeitige Erkennung könnte deshalb verhindern, dass sich Defizite über mehrere Schuljahre hinweg verstärken.

Die Debatte über verpflichtende Sprachtests berührt zugleich eine grundsätzliche Frage der Bildungspolitik: Soll der Staat stärker eingreifen, bevor Kinder überhaupt eingeschult werden, um gleiche Voraussetzungen für den späteren Unterricht zu schaffen?

Die Pisa-Ergebnisse verleihen dieser Diskussion neue Dringlichkeit.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Bildungskrise

Die schwächeren Pisa-Ergebnisse betreffen nicht nur Schulen und Familien. Sie können langfristig auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands haben.

Grundlegende Kompetenzen sind Voraussetzungen für zahlreiche Ausbildungsberufe, Studiengänge und qualifizierte Tätigkeiten. Sinkt das Kompetenzniveau einer ganzen Generation, kann dies später auch den Fachkräftemangel verschärfen.

Für Unternehmen bedeutet ein niedrigeres Bildungsniveau zudem potenziell höheren Aufwand bei Ausbildung und Weiterbildung. Gleichzeitig wird es schwieriger, komplexe Tätigkeiten mit ausreichend qualifizierten Beschäftigten zu besetzen.

Damit wird die Pisa-Entwicklung zu einer Frage, die weit über den Schulhof hinausreicht.

Deutschland bleibt über OECD-Mittelwert

Trotz der schlechten Entwicklung sollte das Ergebnis nicht mit einem völligen Absturz unter das internationale Niveau gleichgesetzt werden. Deutschland liegt weiterhin in allen drei getesteten Bereichen knapp über dem OECD-Durchschnitt.

Die entscheidende Warnung steckt vielmehr im Trend.

Die deutschen Ergebnisse:

465 Punkte im Lesen, 464 Punkte in Mathematik und 486 Punkte in Naturwissenschaften.

Gleichzeitig erreichen andere Länder deutlich höhere Werte. Besonders die Spitzenleistungen von Singapur, Taiwan, Japan und Estland zeigen, dass wesentlich bessere Ergebnisse möglich sind.

Damit richtet sich der Blick zunehmend auf die Frage, wie Deutschland seine grundlegenden Bildungsleistungen wieder stabilisieren und langfristig verbessern kann.

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