Rentenreform: Regierung plant tiefgreifenden Umbau

Juni 23, 2026
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Politischer Druck auf das gesamte Paket

Die geplante Neuordnung der gesetzlichen Altersvorsorge nimmt deutlich Gestalt an. Bundeskanzler Friedrich Merz will die Vorschläge der Rentenkommission nicht nur teilweise, sondern als geschlossenes Reformwerk umsetzen. Nach der Übergabe des Berichts in Berlin machte der CDU-Politiker klar, dass aus seiner Sicht kein Raum für eine Auswahl einzelner Punkte besteht.

Merz sagte wörtlich: „Alle Elemente dieses Reformpakets müssen jetzt zügig umgesetzt werden“. Einzelne Maßnahmen herauszulösen oder zurückzuweisen, hält er für falsch. Die Vorschläge seien miteinander verbunden und sollten sich gegenseitig ausgleichen. Der Kanzler formulierte es so: „Sie bilden ein Gesamtkonzept, das nur in seiner Gesamtheit funktioniert“.

Auch Arbeitsministerin Bärbel Bas stellte sich hinter die Ergebnisse. Sie bezeichnete den Bericht als „Gesamtkunstwerk“, das nicht auseinandergerissen werden solle.

33 Empfehlungen für ein neues Rentensystem

Die Rentenkommission hat insgesamt 33 Empfehlungen vorgelegt. Das Gremium arbeitete rund ein halbes Jahr und kam auf etwa 150 Beratungsstunden. Den Vorsitz führten die Verwaltungswissenschaftlerin Constanze Janda und der frühere Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Insgesamt gehörten der Kommission 13 Mitglieder an, darunter auch Vertreter von CDU, CSU und SPD.

Ein zentraler Punkt ist die künftige Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Nach 2031 soll die Regelaltersgrenze nach einem Verhältnis von zwei zu eins steigen. Nimmt die Lebenserwartung weiter zu, könnte das gesetzliche Rentenalter zwischen 2031 und 2041 schrittweise von 67 Jahren auf 67,5 Jahre steigen.

Die abschlagsfreie Frührente für besonders langjährig Versicherte, häufig als Rente mit 63 bezeichnet, soll nach den Vorschlägen abgeschafft werden. Für langjährig Versicherte mit Abschlägen soll die Altersgrenze von 63 auf 64 Jahre steigen.

Kapitalrente nach schwedischem Vorbild

Neben Änderungen beim Eintrittsalter sieht das Konzept eine neue kapitalgedeckte Säule vor. Beschäftigte und Arbeitgeber sollen gemeinsam einen zusätzlichen Beitrag von insgesamt zwei Prozent leisten. Dieser Betrag würde jeweils zur Hälfte getragen und am Kapitalmarkt angelegt.

Das Modell orientiert sich am schwedischen System. Ziel ist es, die gesetzliche Rente breiter aufzustellen und die Finanzierung weniger stark nur von laufenden Beiträgen abhängig zu machen. Außerdem sollen künftig auch Gruppen einzahlen, die bisher nicht oder nur eingeschränkt Teil der gesetzlichen Rentenversicherung sind. Dazu zählen Selbstständige, Abgeordnete und Vorstände von Aktiengesellschaften. Beamte sollen zunächst nicht einbezogen werden.

Beim Rentenniveau bleibt die Orientierung an der Lohnentwicklung bestehen. Nach dem Auslaufen der Haltelinie von 48 Prozent im Jahr 2031 soll der Nachhaltigkeitsfaktor wieder stärker wirken. Dadurch könnten die Renten langsamer steigen. Ein tatsächliches Absinken der absoluten Rentenzahlungen soll jedoch ausgeschlossen bleiben.

Minijobs geraten ins Zentrum der Debatte

Besonders kontrovers ist der Vorschlag, Minijobs weitgehend abzuschaffen beziehungsweise sie voll in die Sozialversicherung einzubeziehen. Bisher können Minijobber bis zu 603 Euro im Monat verdienen, ohne selbst Steuern oder Sozialabgaben zu zahlen. Arbeitgeber leisten pauschale Abgaben.

Nach den Reformideen sollen künftig grundsätzlich alle Erwerbstätigen Beiträge zur Rentenversicherung, Krankenversicherung und Pflegeversicherung zahlen. Ausnahmen soll es nur noch für Schülerinnen und Schüler geben. Ein konkreter Zeitpunkt für die mögliche Abschaffung wurde bislang nicht genannt.

Im März 2026 gab es in Deutschland rund 7,51 Millionen Minijobber. Knapp 3,5 Millionen nutzten den Minijob zusätzlich zu einer Hauptbeschäftigung. Gerade dieser abgabenfreie Nebenverdienst ist für viele Beschäftigte bisher finanziell attraktiv.

Weniger Netto bei kleinen Nebenjobs

Die finanziellen Folgen wären für Betroffene spürbar. Der aktuelle Rentenbeitrag liegt bei 18,6 Prozent des Bruttolohns. Bei einem Monatsverdienst von 603 Euro ergäbe sich ein Rentenbeitrag von 112,16 Euro. Da Arbeitgeber und Arbeitnehmer diesen Betrag teilen, müsste der Minijobber selbst 56,08 Euro zahlen.

Aus 603 Euro würden damit zunächst 546,92 Euro netto, bevor mögliche Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung hinzukommen. Für viele Beschäftigte mit Nebenverdienst wäre das eine deutliche Veränderung.

Arbeitgeberverbände reagieren scharf. Der Deutsche Hotellerie- und Gastronomieverband bezeichnete den Vorstoß als „Katastrophe“ für das Gastgewerbe. Der Verband sprach außerdem von einer „vollständigen Abschaffung eines für unsere Branche unverzichtbaren Beschäftigungsinstruments“ und einem „Frontalangriff auf die Flexibilität des Arbeitsmarkts“.

Auch BDA-Präsident Rainer Dulger widersprach dem Vorschlag deutlich: „Minijobs verdrängen keine Vollzeitstellen, sondern aktivieren Arbeitspotential“.

Generation X blickt besonders sorgenvoll nach vorn

Parallel zur Reformdebatte zeigt sich, dass vor allem die Generation X stark verunsichert ist. Gemeint sind die heute etwa 45- bis 61-Jährigen. Laut Axa Vorsorge Report rechnen 48 Prozent dieser Altersgruppe mit einer schlechteren Lebensqualität im Ruhestand. Bei den Millennials liegt dieser Wert bei 43 Prozent, bei der Generation Z bei 40 Prozent.

Gleichzeitig wünschen sich 46 Prozent der Generation X einen früheren Ausstieg aus dem Berufsleben. 40 Prozent erwarten jedoch, aus finanziellen Gründen länger arbeiten zu müssen, als sie eigentlich möchten. Das zeigt den inneren Widerspruch vieler Betroffener: Der Wunsch nach früherem Ruhestand trifft auf die Sorge, dass das Geld später nicht reicht.

Die Untersuchung wurde vom Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag von Axa durchgeführt. Befragt wurden 2.044 Personen in Deutschland zwischen dem 18. und 20. März 2026. Die Ergebnisse gelten als repräsentativ für die Bevölkerung ab 18 Jahren.

Vorsorgelücken und verlorenes Vertrauen

Die Angst vor Kaufkraftverlust ist in der Generation X deutlich ausgeprägt. 36 Prozent befürchten, dass Inflation ihre spätere Rente stark entwerten könnte. 10 Prozent rechnen mit einer monatlichen Rentenlücke von 1.500 Euro oder mehr. Weitere 18 Prozent erwarten eine Lücke zwischen 751 und 1.000 Euro. 27 Prozent können ihre Versorgungslücke nicht einschätzen.

Im Durchschnitt liegt die Rentenlücke in Deutschland derzeit bei rund 500 Euro monatlich. Gemeint ist die Differenz zwischen dem erwarteten Einkommen im Alter und dem Betrag, der für den gewünschten Lebensstandard benötigt wird.

Auffällig ist auch das Sparverhalten. 31 Prozent der Generation X legen nach eigenen Angaben derzeit gar nichts für die Altersvorsorge zurück. Gleichzeitig sparen 39 Prozent regelmäßig privat. 58 Prozent würden gern mehr zurücklegen, sehen sich dazu finanziell aber nicht in der Lage.

Das Vertrauen in die Politik ist stark beschädigt. 74 Prozent der Generation X geben an, beim Thema Altersvorsorge das Vertrauen in politische Entscheidungen verloren zu haben. Dennoch verlassen sich 22 Prozent ausschließlich auf die gesetzliche Rente. Die durchschnittliche gesetzliche Rente liegt bei rund 1.100 Euro im Monat und ist damit für viele Menschen nur eine von mehreren notwendigen Säulen der Altersvorsorge.

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