Putins alte Verbündete lösen sich leise aus Moskaus Griff

Juni 9, 2026
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Armenien, Moldau und Kasachstan suchen Abstand zu Russland

Russlands Einfluss im postsowjetischen Raum bröckelt sichtbar. Noch vor wenigen Jahren galten Länder wie Armenien, Moldau oder Kasachstan als Staaten, die sich nur vorsichtig und in engen Grenzen von Moskau entfernten. Inzwischen ist daraus ein klar erkennbarer Trend geworden. Die früheren Partner Russlands lösen sich schrittweise aus der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Umklammerung des Kremls. Sie tun das nicht immer laut und nicht immer mit offenen Provokationen. Aber sie tun es.

Der Hintergrund ist eindeutig. Der Krieg gegen die Ukraine hat Russlands Bild als Schutzmacht schwer beschädigt. Moskau wirkt nicht mehr wie der unangefochtene Ordnungsfaktor im postsowjetischen Raum, sondern zunehmend wie eine Macht, die überfordert, unglaubwürdig oder eigennützig handelt. Genau das verändert die Kalkulation in vielen Hauptstädten der ehemaligen Sowjetrepubliken.

Armenien sendet ein deutliches Signal nach Moskau

Besonders sichtbar ist dieser Wandel in Armenien. Die Regierung von Nikol Paschinjan zeigte vor den Wahlen unübersehbar, dass sie russische Einflussversuche nicht mehr widerspruchslos hinnimmt. Angesichts von Spekulationen über Stimmenkauf warnte Eriwan aus Russland einreisende Armenier offen davor, für Geld ihre Stimme abzugeben. Zugleich stellte das armenische Verteidigungsministerium Militärpolizisten am Flughafen von Jerewan ab, die berechtigt waren, Wehrpflichtige oder Reservisten einzuziehen.

Das war mehr als eine verwaltungstechnische Maßnahme. Es war eine direkte Botschaft an Moskau und an jene Kräfte, die glaubten, Armenien weiter nach altem Muster unter Druck setzen zu können. Dabei hatte Wladimir Putin zuvor selbst versucht, Armenien mit einem möglichen Ukraine-Szenario einzuschüchtern. Hinzu kamen starke Einschränkungen für armenische Exporte nach Russland. Der Ton zwischen beiden Seiten hat damit einen Tiefpunkt erreicht, der noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.

Bergkarabach wurde zum politischen Erweckungsschock

Die eigentliche Entfremdung begann jedoch nicht erst im Wahlkampf. Sie hat tiefere Ursachen. Jahrzehntelang war Armenien eng an Russland gebunden:

  • wirtschaftlich abhängig
  • militärisch auf Moskau angewiesen
  • eingebettet in die russisch dominierte OVKS, das Gegenstück zur Nato

Diese Ordnung begann mit Paschinjans Machtübernahme bereits zu bröckeln. Der wirkliche Schock kam aber mit dem Krieg um Bergkarabach. Im Jahr 2020 eroberte Aserbaidschan unter den Augen russischer Friedenstruppen die von Armeniern bewohnte Region zurück und errichtete sogar Stellungen weit hinter der eigentlichen Grenzlinie. Moskau griff nicht ein. Im russischen Staatsfernsehen wurde der Krieg lediglich als „Zwischenfall an der Grenze“ heruntergespielt.

Drei Jahre später folgte der nächste Schlag. Aserbaidschan nahm auch die verbliebenen armenisch kontrollierten Gebiete ein. Rund 100.000 Armenier wurden vertrieben. Wieder blieb Russland untätig. Für viele Armenier, selbst für prorussische Kreise, war das ein politischer Weckruf. Die vermeintliche Schutzmacht erwies sich nicht als Schutzmacht.

Armenien friert das Bündnis mit Russland ein

Die Konsequenzen folgten rasch. Im Februar 2024 erklärte Paschinjan, der Vertrag über kollektive Sicherheit ruhe mit Blick auf Armenien, und fror die Teilnahme an der OVKS ein. Auch militärisch kalibriert sich das Land neu.

Die Zahlen zeigen die Wende besonders deutlich:

  • zwischen 2011 und 2020 bezog Armenien noch 94 Prozent seiner Militärtechnik aus Russland
  • im Jahr 2024 war Moskau nur noch für rund 10 Prozent der armenischen Rüstungsimporte verantwortlich

Paschinjan warb im Wahlkampf offen für eine stärkere Annäherung an Europa. Dafür verlangt er der armenischen Gesellschaft harte Zugeständnisse ab. Der Anspruch auf Bergkarabach wird zugunsten eines Friedens mit Aserbaidschan und der Türkei aufgegeben. Durch armenisches Gebiet soll künftig sogar eine Handelsroute von Aserbaidschan in die Türkei verlaufen. Paschinjan bezeichnete diesen Kurs als Befreiung aus einer jahrzehntealten „Falle“. Offenbar mit Erfolg: Seine Partei Zivilvertrag kam laut Wahlkommission auf 49,8 Prozent, der prorussische Block Starkes Armenien nur auf 23,3 Prozent.

Moldau zieht den Schlussstrich

Während Armenien noch ringt und abwägt, hat Moldau den Trennungsprozess viel offener vollzogen. Am 2. April 2026 stimmte das Parlament in Chișinău mit 60 von 101 Stimmen für den endgültigen Austritt aus der GUS. Damit kappte die Republik eines der wichtigsten symbolischen Bänder zur postsowjetischen Ordnung.

Wie eindeutig die politische Haltung inzwischen ist, zeigte Parlamentspräsident Igor Grosu schon 2023. Damals sagte er: „Wir alle wollen aus diesem Leichnam heraus, aus dieser Totheit.“ Deutlicher lässt sich kaum formulieren, wie wenig Zukunft Moldau noch in der alten russisch dominierten Gemeinschaft sieht.

Präsidentin Maja Sandu pflegt enge Kontakte nach Brüssel und zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Langfristig soll Moldau gemeinsam mit der Ukraine der EU beitreten. Moskaus Reaktion fiel entsprechend gereizt aus. Der russische Botschafter Oleg Oserow verglich Moldaus Verhalten mit einem Bären, der die Himbeeren esse und den Strauch wegwerfe. Die Metapher zeigte vor allem eines: In Moskau scheint man das Ausmaß der Entfremdung noch immer nicht ganz begriffen zu haben.

Selbst Transnistrien verliert als Druckmittel an Wert

Noch vor wenigen Jahren galt Transnistrien als ständiges Faustpfand Russlands gegen Moldau. Die mehrheitlich russischsprachige Region, die lange von Moskau geschützt wurde, war ein permanenter Hebel gegen Chișinău. Doch auch dieses Instrument verliert an Schärfe.

Weil Russlands Krieg in der Ukraine sein strategisches Ziel, eine Landverbindung bis nach Transnistrien herzustellen, verfehlt hat, steht die Region heute eher vor einer schrittweisen Rückintegration in Moldau als vor einer weiteren Abspaltung. Auch die Ukraine hat ein klares Interesse daran, dieses russische Druckmittel endgültig zu entschärfen.

Kasachstan geht auf Distanz, ohne offen zu brechen

Auch in Kasachstan verändert sich die Lage. Das bevölkerungsreichste Land Zentralasiens ist formal weiter Mitglied der OVKS, sucht aber seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sichtbar mehr Eigenständigkeit. Präsident Kassym-Schomart Tokajew fährt einen vorsichtigen, aber klar erkennbaren Kurs der Distanzierung.

Zu den frühen Signalen gehörte die Absage der traditionellen Militärparade am 9. Mai, dem sowjetischen Siegesfeiertag. Auf internationaler Ebene verweigerte Kasachstan die Anerkennung der von Russland besetzten ukrainischen Gebiete. Gleichzeitig sucht das Land neue wirtschaftliche und strategische Wege.

Dazu gehört die engere Zusammenarbeit mit der Türkei und anderen Regionalpartnern, um neue Transportkorridore für Öl und Gas über das Kaspische Meer nach Europa aufzubauen. Bislang lief ein erheblicher Teil kasachischer Energieexporte über Russland. Doch weil Moskau im Zuge der Spannungen Astana zuletzt selbst den Hahn zudrehte, wächst der Anreiz, sich aus dieser Abhängigkeit zu lösen.

Die Turkstaaten setzen zunehmend auf sich selbst

Auf einer Konferenz der Organisation der Turkstaaten kamen Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, die Türkei und Usbekistan nach ukrainischen Geheimdienstangaben zu einem bemerkenswerten Schluß: „Moskau ist kein Garant für Stabilität mehr.“ Die Teilnehmer hätten sich darauf verständigt, sich künftig ausschließlich auf die eigenen Fähigkeiten zu stützen.

Das ist politisch hochbedeutend. Denn damit schwindet nicht nur der direkte Einfluß Russlands. Es entsteht zugleich eine neue regionale Logik, in der sich frühere Moskauer Partner selbst organisieren und alternative Machtachsen aufbauen. Armenien, Moldau und Kasachstan sind daher womöglich nur die sichtbarsten Fälle eines größeren Prozesses.

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