Nach FCAS sucht Berlin hektisch nach einem neuen Kampfjetweg

Juni 10, 2026
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Das Ende des Prestigeprojekts zwingt die Bundesregierung zum Umdenken

Mit dem Aus des deutsch-französisch-spanischen Kampfjetprojekts FCAS steht die Bundesregierung vor einer sicherheitspolitisch und industriepolitisch heiklen Lücke. Nach neun Jahren gemeinsamer Planung ist das Vorhaben gescheitert. Nun muss Berlin rasch entscheiden, wie die Zukunft der deutschen Luftkampffähigkeit gesichert werden soll. Die Debatte ist brisant, weil es nicht nur um ein neues Flugzeug geht, sondern um Milliarden, militärische Handlungsfähigkeit und die Frage, ob Europa in der Luftverteidigung eigenständig bleiben kann.

Verteidigungsminister Boris Pistorius machte deutlich, dass mehrere Wege geprüft werden. Damit ist klar: Nach dem Zusammenbruch von FCAS beginnt kein geordneter Übergang, sondern eine hektische Suche nach Ersatz. Die Zeit drängt, weil sich abzeichnet, dass zwischen vorhandenen Systemen und einem möglichen künftigen europäischen Kampfjet eine gefährliche Lücke entstehen könnte.

Team Gen 6 bringt einen deutschen Gegenentwurf ins Spiel

Eine der Optionen kommt aus der deutschen Industrie selbst. Ein Bündnis aus acht Rüstungsunternehmen um Airbus wirbt dafür, einen neuen europäischen Kampfjet unter deutscher Führung anzustoßen. Das Konsortium nennt sich Team Gen 6 und hat nach eigenen Angaben bereits ein Positionspapier beim Verteidigungsministerium eingereicht.

Zu diesem Bündnis gehören:

  • Airbus Defence and Space
  • Autoflug
  • Diehl Defence
  • Hensoldt
  • Liebherr
  • MBDA
  • MTU Aero Engines
  • Rohde und Schwarz

Das Projekt trägt den Namen Next Generation Weapon System, kurz NGWS. Damit versucht die deutsche Industrie, aus dem FCAS-Scheitern sofort eine neue Initiative abzuleiten. Für Berlin wäre das politisch attraktiv, weil es deutschen Einfluss, deutsche Wertschöpfung und deutsche Führung in einem zentralen Rüstungsprojekt stärken würde.

Pistorius zeigte sich offen und sagte: „Das ist denkbar und ist eine der Möglichkeiten.“ Allein diese Formulierung zeigt, dass der Vorstoß ernst genommen wird.

Eine zweite Option führt nach Großbritannien, Italien und Japan

Neben einem Neustart unter deutscher Führung prüft die Bundesregierung auch den Einstieg in ein bereits laufendes internationales Programm. Gemeint ist das GCAP, das Global Combat Air Programme. Dieses Projekt wird von Großbritannien, Italien und Japan getragen und soll bis 2035 einen Kampfjet der neuen Generation hervorbringen.

An GCAP beteiligt sind:

  • BAE Systems aus Großbritannien
  • Leonardo aus Italien
  • ein von Mitsubishi Heavy Industries unterstütztes japanisches Konsortium

Gerade aus Italien kommen deutliche Signale, dass Deutschland willkommen wäre. Leonardo-Chef Lorenzo Mariani sagte, Deutschland wäre für GCAP „ein besonders wertvoller Partner“. Aus industrieller Sicht könne Deutschland dem Projekt wichtiges Fachwissen bringen. Auch Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto hatte bereits im vergangenen Jahr erklärt, weitere Partner seien willkommen, um die Entwicklungskosten zu teilen.

Für Berlin hätte dieser Weg einen großen Vorteil: Deutschland müsste nicht wieder bei null anfangen, sondern könnte sich an ein bereits laufendes Vorhaben andocken.

Auch zusätzliche F-35 stehen auf dem Tisch

Eine dritte Möglichkeit ist deutlich weniger europäisch, aber militärisch kurzfristig wohl am praktikabelsten: zusätzliche F-35-Kampfjets aus den USA. Auch diese Variante nannte Pistorius ausdrücklich. Zugleich deutete er an, dass es womöglich sogar noch eine vierte Option gebe, über die er öffentlich noch nicht sprechen wolle.

Gerade die Luftwaffe scheint bei der Frage zusätzlicher F-35 recht klar zu denken. Der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, ließ wenig Zweifel daran, welche Lösung er derzeit für die realistischste hält. Er verwies auf eine entstehende Lücke zwischen der Auslieferung der letzten Eurofighter im Jahr 2035 und der tatsächlichen Verfügbarkeit eines zukünftigen europäischen Kampfflugzeugs.

Seine Warnung ist deutlich. Kampfflugzeuge der Zukunft müssten:

  • über Tarnkappenfähigkeiten verfügen
  • mit unbemannten Systemen zusammenwirken können

Genau diese Anforderungen erfülle derzeit am ehesten die F-35. Ohne solche Fähigkeiten stoße die Luftwaffe an „operationelle Grenzen“.

Das Scheitern von FCAS war ein schwerer Schlag

Dass das FCAS-Projekt zerbrochen ist, wird in Berlin nicht als bloßer Rückschlag betrachtet, sondern als strategischer Verlust. Pistorius selbst sagte, das Aus des milliardenschweren Vorhabens schmerze ihn sehr. Noch drastischer reagierte Belgiens Ministerpräsident Bart De Wever. Er bezeichnete die Einstellung des Projekts als „komplette Dummheit“. Seine Wut ging noch weiter: „Was für eine Zeitverschwendung! Was für eine Arroganz!“

De Wever traf damit einen empfindlichen Punkt. Denn FCAS sollte über Jahre hinweg als Symbol europäischer Rüstungsfähigkeit dienen. Stattdessen endete das Projekt in Streit, Blockaden und Frustration. Für viele Beobachter ist das nicht nur ein technisches oder organisatorisches Scheitern, sondern ein Beleg dafür, wie schwer sich Europa bei Großprojekten der Verteidigung tut.

Unterschiedliche militärische Bedürfnisse rissen das Projekt auseinander

Als zentrale Ursache für das Scheitern gelten die sehr unterschiedlichen Anforderungen der beteiligten Staaten. Frankreich und Deutschland wollten zwar gemeinsam einen Kampfjet der Zukunft entwickeln, brauchten am Ende aber nicht dasselbe Flugzeug.

Die französischen Anforderungen lagen unter anderem hier:

  • Landefähigkeit auf Flugzeugträgern
  • Fähigkeit zum Tragen von Atomwaffen

Die deutsche Luftwaffe setzte dagegen andere Schwerpunkte. Sie benötigt vor allem ein schnelles Jagdflugzeug mit klarer Ausrichtung auf ihre eigenen operationellen Bedürfnisse. Zu diesen militärischen Unterschieden kam ein harter Führungsstreit zwischen Dassault und Airbus. Damit war FCAS nicht nur ein Projekt mit technischen Herausforderungen, sondern auch ein Machtkampf zwischen Staaten und Konzernen.

Europas Luftverteidigung droht weiter an Gewicht zu verlieren

Die eigentliche Brisanz reicht weit über die deutsche Beschaffungspolitik hinaus. De Wever formulierte das in ungewöhnlicher Schärfe. Die Europäer hätten sich entschieden, in einem entscheidenden Bereich der Luftverteidigung „irrelevant zu sein – nicht nur jetzt, sondern auch in einem Jahrzehnt“. Genau darin liegt das strategische Problem.

Wenn Europa es nicht schafft, ein gemeinsames Kampfflugzeugprogramm erfolgreich zu entwickeln, bleiben am Ende vor allem drei Möglichkeiten:

  • nationale Alleingänge
  • der Anschluss an fremde Programme
  • der Kauf amerikanischer Systeme

Für Deutschland ist das eine heikle Wahl. Ein eigener neuer Weg wäre teuer und riskant. Der Einstieg in GCAP könnte politische und industrielle Kompromisse verlangen. Zusätzliche F-35 wären militärisch plausibel, würden aber die Abhängigkeit von den USA weiter vergrößern.

Jetzt beginnt die eigentliche Entscheidungsschlacht

Die Bundesregierung steht damit vor einer Grundsatzfrage: Will sie nach dem FCAS-Debakel erneut auf ein europäisches Großprojekt setzen, sich an ein bestehendes internationales Programm anhängen oder die entstehende Fähigkeitslücke mit amerikanischen Jets schließen?

Die Lage ist deshalb so explosiv, weil jede Lösung ihren Preis hat:

  • deutsche Führung bedeutet hohe Kosten und großes Entwicklungsrisiko
  • GCAP-Einstieg bedeutet weniger Kontrolle, aber schnelleren Anschluss
  • F-35-Käufe bedeuten militärische Verfügbarkeit, aber mehr Abhängigkeit von Washington

Nach dem Zusammenbruch von FCAS ist damit nicht nur ein Projekt gescheitert. Es beginnt nun ein neuer Machtkampf um die Zukunft der deutschen und europäischen Luftverteidigung.

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