Pflegekassen droht im Herbst das Geld auszugehen

August 31, 2026
Pflegekassen droht im Herbst das Geld auszugehen

Die finanzielle Lage der gesetzlichen Pflegeversicherung verschärft sich dramatisch. Bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2026 haben die Pflegekassen ein Defizit von 770 Millionen Euro angehäuft. Gleichzeitig wachsen die Ausgaben deutlich schneller als die Einnahmen.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, der auch die Pflegekassen vertritt, warnt deshalb vor einer akuten Finanzierungslücke. Verbandschef Oliver Blatt spricht von einer äußerst angespannten Situation: „Es herrscht Alarmstufe Rot.“

Sollte sich die Entwicklung fortsetzen, könnte bereits im Oktober der Zeitpunkt erreicht sein, an dem die laufenden Einnahmen nicht mehr ausreichen, um die Pflegeleistungen vollständig zu finanzieren. Bis zum Jahresende werden nach den Angaben des Verbandes zusätzlich rund 500 Millionen Euro benötigt.

Die Ausgaben laufen den Einnahmen davon

Die Zahlen für das erste Halbjahr zeigen, wie stark sich die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben geöffnet hat. Von Januar bis Juni 2026 stiegen die Ausgaben der Pflegeversicherung gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 11 Prozent auf insgesamt 39,5 Milliarden Euro.

Die Einnahmen entwickelten sich dagegen wesentlich langsamer. Die Beitragseinnahmen erhöhten sich lediglich um 3,9 Prozent. Die gesamten Einnahmen legten um 5,4 Prozent auf 38,7 Milliarden Euro zu.

In diesen Einnahmen ist bereits ein Teil der staatlichen Unterstützung enthalten. Das Bundesdarlehen für die Pflegeversicherung beträgt insgesamt 3,2 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr floss davon bereits die Hälfte, also 1,6 Milliarden Euro, in die Kassen.

Ohne diese staatliche Finanzspritze wäre die Lage nochmals wesentlich dramatischer.

Milliardenhilfe kaschiert das eigentliche Problem

Für das Gesamtjahr wird derzeit mit einem Defizit von rund 1,2 Milliarden Euro gerechnet. Dabei ist das Bundesdarlehen bereits berücksichtigt.

Oliver Blatt bezeichnete die Situation ohne diese Unterstützung als das „ehrliche Ergebnis“. Dann würde das Minus voraussichtlich bei 4,4 Milliarden Euro liegen.

Der Verbandschef sieht deshalb nicht nur ein vorübergehendes Finanzierungsproblem. Solange die Ausgaben dauerhaft stärker steigen als die Einnahmen, werde sich die Situation weiter verschärfen.

Blatt warnte entsprechend:

„Das Geld alle.“

Die Aussage macht deutlich, wie kurzfristig der Handlungsdruck inzwischen geworden ist. Die Pflegekassen benötigen nicht erst irgendwann in den kommenden Jahren eine neue Finanzierungsstruktur, sondern stehen bereits in diesem Jahr vor erheblichen Liquiditätsproblemen.

Für 2027 fehlen zehn Milliarden Euro

Noch größer wird die Herausforderung mit Blick auf das kommende Jahr. Für 2027 sieht der Spitzenverband einen zusätzlichen Finanzierungsbedarf von 10 Milliarden Euro.

Dieser Betrag ist nach den Angaben des Verbandes bislang nicht gegenfinanziert. Darin enthalten ist ein erwartetes Defizit von etwa 7,5 Milliarden Euro. Zusätzlich müssen die Pflegekassen ihre finanziellen Reserven auffüllen, damit ihre Zahlungsfähigkeit jederzeit gewährleistet bleibt.

Oliver Blatt fordert deshalb schnelle Entscheidungen:

„Die Finanzen der Pflegeversicherung müssen jetzt sehr kurzfristig stabilisiert werden, und mittel- bis langfristig brauchen wir eine strukturelle Reform.“

Damit steht die Bundesregierung vor einem erheblichen politischen Problem. Kurzfristige Hilfen könnten die akute Lücke schließen, würden aber die grundlegende Ursache der wachsenden Ausgaben nicht beseitigen.

Fast sechs Millionen Menschen beziehen Leistungen

Ein wesentlicher Kostentreiber ist die steigende Zahl der Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten. Inzwischen sind es fast sechs Millionen Menschen.

Eine wichtige Ursache dafür liegt in der Pflegereform von 2017. Damals wurden die Kriterien für Pflegebedürftigkeit ausgeweitet. Dadurch erhielten mehr Menschen Zugang zu Leistungen der Pflegeversicherung.

Für die Betroffenen bedeutete dies eine wichtige Verbesserung. Für das Finanzierungssystem brachte die Erweiterung allerdings zugleich zusätzliche und dauerhaft anfallende Kosten mit sich.

Die wachsende Zahl der Leistungsempfänger trifft nun auf eine Pflegeversicherung, deren Einnahmen nicht annähernd im gleichen Tempo wachsen.

Pflegeheime verursachen zusätzliche Milliardenkosten

Neben der steigenden Zahl der Pflegebedürftigen belasten auch höhere Zuschüsse der Pflegekassen die Finanzen. Dabei geht es um finanzielle Entlastungen für Menschen, die in Pflegeheimen leben und Eigenanteile für die reine Pflege bezahlen müssen.

Die Pflegekassen übernehmen hierbei zunehmend höhere Beträge. Diese Zuschüsse sollen die finanzielle Belastung der Heimbewohner begrenzen, erhöhen gleichzeitig aber die Ausgaben der ohnehin unter Druck stehenden Versicherung.

Damit treffen mehrere Entwicklungen gleichzeitig aufeinander: mehr Pflegebedürftige, höhere Leistungszahlungen und zusätzliche Entlastungen bei den Eigenanteilen.

Regierung plant große Pflegereform

Die Bundesregierung will im Herbst mit einer umfassenden Reform reagieren. Die schwarz-rote Koalition arbeitet an Veränderungen, die zu den wichtigsten Vorhaben von Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) gehören.

Ein erster Gesetzentwurf seiner Amtsvorgängerin Nina Warken (CDU) sieht unter anderem Maßnahmen zur Begrenzung der Ausgaben sowie zusätzliche Einnahmen vor. Damit sollen möglichst allgemeine Beitragserhöhungen im Jahr 2027 vermieden werden.

Wie weit die Reform letztlich gehen wird, ist allerdings noch offen. Die bisherigen Vorschläge dürften im weiteren politischen Verfahren verändert werden.

Kinderlose sollen stärker belastet werden

Zu den diskutierten Maßnahmen gehört eine leichte Anhebung des Pflegeversicherungsbeitrags für Kinderlose auf 4,3 Prozent.

Auch bei der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern sind Einschränkungen vorgesehen. Dadurch könnten zusätzliche Einnahmen für die Pflegeversicherung entstehen.

Gleichzeitig sollen die Voraussetzungen für die Einstufung in einen Pflegegrad tendenziell verschärft werden. Das würde den Zugang zu bestimmten Pflegeleistungen erschweren und könnte die Ausgaben der Versicherung begrenzen.

Streit um Unterstützung pflegender Angehöriger

Bei einer weiteren geplanten Maßnahme zeichnet sich dagegen Widerstand ab. Linnemann hat bereits signalisiert, dass er möglichst auf die bislang erwogenen Kürzungen bei den Renteneinzahlungen für pflegende Angehörige verzichten möchte.

Damit zeigt sich, wie schwierig der politische Balanceakt ist. Die Pflegeversicherung muss Milliarden einsparen oder zusätzliche Einnahmen erzielen, während gleichzeitig Leistungen für Pflegebedürftige und die Unterstützung pflegender Angehöriger politisch besonders sensibel sind.

Die entscheidende Frage für die kommenden Monate lautet deshalb nicht nur, wie die akute Finanzierungslücke geschlossen wird. Ebenso offen ist, wie ein System dauerhaft stabilisiert werden kann, dessen Ausgaben derzeit wesentlich schneller wachsen als seine Einnahmen.

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