Die britische Regierung hat die Bevölkerung dazu aufgerufen, sich für mögliche Krisensituationen mit Vorräten für mindestens drei Tage auszustatten. Die Empfehlung zeigt bereits Wirkung: Bei mehreren Händlern stieg die Nachfrage nach Wasser, Konserven und anderen haltbaren Lebensmitteln deutlich an. Beim Online-Supermarkt Ocado waren zeitweise mehrere Produkte nicht mehr verfügbar.
Hintergrund der Vorsorgekampagne sind mögliche Cyberangriffe, extreme Wetterereignisse und Versorgungsengpässe. Die Regierung betont allerdings, dass kein einzelnes unmittelbar bevorstehendes Ereignis den Aufruf ausgelöst habe. Die Bevölkerung solle vorbereitet sein, ohne in Panik zu geraten.
Wasser und Konserven werden verstärkt gekauft
Besonders deutlich zeigte sich die gestiegene Nachfrage beim Online-Lebensmittelhändler Ocado. Dort waren am Montag mehrere Marken von abgefülltem Wasser und anderen Grundprodukten zeitweise ausverkauft.
Auch verschiedene Suppenprodukte von Heinz und Baxter waren nicht verfügbar. Bei Mineralwasser waren unter anderem einzelne Produkte von Volvic, Highland Spring und Brecon Carreg betroffen.
Ein Ocado-Sprecher erklärte wörtlich:
„We’ve seen an increase in demand for some products over the weekend and are working with our supply-chain partners to increase availability as soon as possible.“
Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben mit seinen Lieferanten daran, die Bestände möglichst schnell wieder aufzufüllen.
Kunden wurden dazu aufgefordert, regelmäßig zu prüfen, ob zuvor vergriffene Produkte wieder verfügbar sind.
Regierung empfiehlt Vorräte für drei Tage
Der Aufruf zur privaten Vorsorge war in der vergangenen Woche veröffentlicht worden.
Haushalte sollen genügend Vorräte bereithalten, um im Notfall mindestens 72 Stunden ohne reguläre Versorgung auskommen zu können.
Empfohlen werden unter anderem:
- mindestens neun Liter Wasser pro Person
- haltbare Lebensmittel
- Nahrungsmittel, die ohne Kochen verzehrt werden können
- ein UKW-Radio
- Decken
- Reserven für Strom und Kommunikation
- Babynahrung
- Windeln
- Tierfutter
Damit sollen Haushalte kurzfristige Ausfälle wichtiger Infrastruktur besser überbrücken können.
Iceland meldet 40 Prozent mehr Konservenverkäufe
Auch andere Händler registrierten Veränderungen im Kaufverhalten.
Der Tiefkühlkost Händler Iceland berichtete von einem deutlichen Anstieg bei haltbaren Lebensmitteln.
Das Unternehmen erklärte wörtlich:
„It is clear consumers have listened to the government’s message as we have seen a 40 per cent increase in sales of tinned products over the weekend and strong sales of bottled water too.“
Die Verkäufe von Konserven legten demnach am Wochenende um 40 Prozent zu. Gleichzeitig war auch die Nachfrage nach abgefülltem Wasser stark.
Iceland betonte jedoch, dass die Vorräte weiterhin ausreichend seien:
„Our supplies of these products remain healthy.“
Auch Booths registriert stärkere Nachfrage
Eine ähnliche Entwicklung wurde bei der nordenglischen Supermarktkette Booths beobachtet.
Dort stiegen die Verkäufe von Konserven ebenfalls deutlich.
Allerdings könnte die staatliche Vorsorgeempfehlung nicht der einzige Grund gewesen sein. Nach Einschätzung des Unternehmens dürften auch die schweren Stürme, die Großbritannien am Wochenende getroffen hatten, zusätzliche Käufe ausgelöst haben.
Damit überlagern sich derzeit zwei Faktoren: die neue staatliche Vorsorgekampagne und konkrete Erfahrungen mit extremen Wetterbedingungen.
Regierung warnt vor verschiedenen Krisenszenarien
Die Empfehlungen beziehen sich nicht auf eine einzelne konkrete Bedrohung.
Als mögliche Szenarien werden unter anderem genannt:
- größere Cyberangriffe
- extremes Wetter
- Stromausfälle
- Störungen der Versorgung
- vorübergehende Lebensmittelengpässe
Der britische Politiker Wes Streeting hatte die Bevölkerung aufgefordert, haltbare Lebensmittel, Wasser, ein Radio und Decken bereitzuhalten.
Dabei spielen nach Angaben der Regierung auch mögliche Bedrohungen durch sogenannte feindliche staatliche Akteure eine Rolle.
Gleichzeitig betonen die Verantwortlichen, dass die Öffentlichkeit „alert but not alarmed“ sein solle, also wachsam, aber nicht beunruhigt.
Nur 13 Prozent fühlen sich für Krisen gerüstet
Die Vorsorgekampagne trifft offenbar auf eine Bevölkerung, die sich bislang nur begrenzt auf längere Versorgungsausfälle vorbereitet hat.
Nach einer aktuellen Untersuchung fühlen sich lediglich 13 Prozent der Briten ausreichend darauf vorbereitet, mehrere Tage auf sich allein gestellt zu sein.
Damit sehen sich fast neun von zehn Befragten nicht vollständig in der Lage, einen solchen Notfall ohne zusätzliche Vorbereitung zu bewältigen.
Die Regierung versucht deshalb, private Haushalte stärker für die eigene Krisenvorsorge zu sensibilisieren.
Wetterextreme erhöhen das Risikobewusstsein
Neben Cyberrisiken spielen auch klimatische und wetterbedingte Gefahren eine wichtige Rolle.
Großbritannien und andere Teile Europas waren im Sommer von schweren Hitzewellen, Trockenheit und Waldbränden betroffen.
Auch starke Stürme können Transportwege, Stromversorgung oder Lieferketten vorübergehend beeinträchtigen.
Die Regierung will deshalb erreichen, dass Haushalte zumindest kurze Unterbrechungen der Versorgung selbst überbrücken können.
Erinnerungen an Hamsterkäufe während der Pandemie
Die gestiegene Nachfrage erinnert teilweise an die ersten Monate der Corona-Pandemie.
Damals hatten Verbraucher große Mengen bestimmter Produkte gekauft, wodurch einzelne Waren zeitweise knapp wurden.
Mehrere große britische Supermarktketten reagierten damals mit Kaufbeschränkungen.
Unternehmen wie Tesco, Sainsbury’s, Asda und Morrisons passten nach der Pandemie außerdem ihre Logistiksysteme an, um auf plötzlich steigende Nachfrage künftig besser reagieren zu können.
Händler warnen vor Überreaktionen
Der ehemalige Asda-Einkäufer Ged Futter hält die staatliche Vorsorgekampagne grundsätzlich für nachvollziehbar, sieht jedoch ein Problem bei der Interpretation durch die Verbraucher.
Er sagte:
„Some will take it seriously and think, ‘Whatever the government says, that’s not going to be enough so I’m going to go for more’.“
Ein Teil der Bevölkerung könnte also wesentlich größere Mengen kaufen als empfohlen.
Andere Menschen würden die Hinweise dagegen vollständig ignorieren. Futter ergänzte:
„Others will completely ignore it, and that’s the difficulty that a retailer has.“
Für Händler entsteht dadurch die Schwierigkeit, die tatsächliche Nachfrage vorherzusagen.
Nicht überall ist ein Hamstertrend erkennbar
Trotz der starken Nachfrage bei einzelnen Händlern gibt es bislang keine Hinweise auf flächendeckende Engpässe im gesamten britischen Einzelhandel.
Ed Woodall, Geschäftsführer des Branchenverbandes Association of Convenience Stores, erklärte:
„In the event of increased demand, like we saw during the summer heatwaves, our sector is well prepared and well stocked to keep products available for customers.“
Kleinere Lebensmittelgeschäfte hätten am Wochenende bislang keine „meaningful change“ bei den Verkäufen typischer Vorratsprodukte wie Konserven und Wasser festgestellt.
Die Lage unterscheidet sich damit offenbar je nach Händler und Region.
Handel sieht Lieferketten besser vorbereitet
Die Erfahrungen aus der Pandemie haben viele britische Händler dazu veranlasst, ihre Lieferketten und Lagerhaltung anzupassen.
Dadurch sollen kurzfristige Nachfragespitzen besser aufgefangen werden können.
Der aktuelle Anstieg bei Wasser und Konserven stellt nun einen ersten größeren Test für diese Systeme dar.
Während bei Ocado einzelne Produkte zeitweise ausverkauft waren und Iceland 40 Prozent mehr Konserven verkaufte, melden andere Händler bislang keine außergewöhnlichen Veränderungen.
Die Regierung hält dennoch an ihrer Empfehlung fest, dass jeder Haushalt ausreichend Vorräte für mindestens drei Tage bereithalten sollte.