Lagarde warnt vor Deutschlands wirtschaftlichem Abstieg

September 11, 2026
EZB-Präsidentin Christine Lagarde

EZB sieht weitere Jahre mit hoher Inflation

EZB-Präsidentin Christine Lagarde zeichnet ein ungewöhnlich düsteres Bild der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland und Europa. In einem Interview mit dem ZDF warnte die Französin vor einer anhaltenden Belastung durch steigende Preise und stellte zugleich die wirtschaftliche Grundlage Deutschlands infrage.

Besonders brisant ist ihre Einschätzung zur Inflation. Nach ihrer Darstellung dürfte sich die Preisentwicklung zunächst weiter verschärfen. Erst Ende 2028 rechnet die Europäische Zentralbank auf dem derzeit erwarteten Entwicklungspfad wieder mit einer Inflationsrate von rund 2 Prozent – jener Marke, die sie mittelfristig als Ziel anstrebt.

Damit könnte die Phase erhöhter Teuerung deutlich länger andauern, als es viele Verbraucher und Unternehmen erhoffen.

Erinnerung an den Inflationsschock

Lagarde verwies zugleich auf die Erfahrungen aus der großen Inflationswelle. Im Zuge des Preisschocks von 2022 waren die Verbraucherpreise in Deutschland innerhalb eines Jahres um mehr als 8 Prozent gestiegen.

Den Vorwurf, die EZB habe daraus nicht ausreichend gelernt oder zu spät reagiert, weist die Notenbankchefin zurück. Die jüngsten geldpolitischen Entscheidungen seien auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen zu betrachten.

Gleichzeitig macht Lagarde deutlich, dass die Möglichkeiten der Zentralbank bei bestimmten Ursachen der aktuellen Teuerung begrenzt sind. Insbesondere bei steigenden Energiepreisen kann die EZB die grundlegenden Angebotsprobleme nicht unmittelbar beseitigen.

Diesel wird zur besonderen Belastung

Eine besonders dramatische Entwicklung beobachtet Lagarde bei den Kraftstoffpreisen. Diesel steige unter den raffinierten Ölprodukten derzeit besonders stark.

Als wesentliche Ursachen nannte sie die gestiegenen Rohölpreise und die geringere Zahl verfügbarer Raffinerien. Wenn weniger Verarbeitungskapazitäten vorhanden sind, kann bereits eine angespannte Rohstoffversorgung zu zusätzlichen Preissteigerungen bei fertigen Kraftstoffen führen.

Für Verbraucher und Unternehmen hat das weitreichende Folgen. Höhere Dieselpreise verteuern nicht nur das Tanken. Auch Transporte, Logistik und zahlreiche Waren können dadurch teurer werden, weil Lastwagen, Lieferfahrzeuge und andere Nutzfahrzeuge weiterhin in großem Umfang auf Dieselkraftstoff angewiesen sind.

„Die EZB kann nicht nach Öl bohren“

Bei der Bekämpfung eines solchen Angebotsschocks sieht Lagarde die Möglichkeiten der Geldpolitik naturgemäß begrenzt.

Gegenwärtig“ seien die Zinssätze alles, was die EZB beeinflussen könne, um die Auswirkungen des Angebotsschocks zu reduzieren, erklärte sie sinngemäß mit Blick auf die begrenzten Handlungsmöglichkeiten der Notenbank. Die Zentralbank könne schließlich nicht selbst für zusätzliches Rohöl sorgen oder Raffineriekapazitäten schaffen.

Damit wird ein grundlegendes Problem der aktuellen Inflationsentwicklung sichtbar: Steigende Energiepreise lassen sich nicht allein mit höheren oder niedrigeren Zinsen beseitigen. Die Geldpolitik kann die Nachfrage beeinflussen, aber keine fehlenden Rohstoffe oder Produktionskapazitäten erzeugen.

Deutschlands altes Wirtschaftsmodell unter Druck

Besonders deutlich wurde Lagarde bei ihrer Einschätzung der deutschen Wirtschaft. Sie verwies dabei auf die Sorgen von Bundesbank-Präsident Joachim Nagel und stellte die bisherige wirtschaftliche Grundlage Deutschlands infrage.

Ihre Aussage fällt entsprechend drastisch aus: „Das Geschäftsmodell von Deutschland ist tot“.

Gemeint ist damit vor allem die Kombination aus vergleichsweise günstiger Energie aus Russland, einer starken Nachfrage aus China und dem sicherheitspolitischen Rückhalt durch die USA. Nach Lagardes Einschätzung haben sich diese drei entscheidenden Voraussetzungen grundlegend verändert.

Sie formulierte es zugespitzt: Deutschland fehle inzwischen „die Energie aus Russland, die Nachfrage aus China und die Sicherheit aus den USA“.

Stagnation als realistisches Szenario

Für die deutsche Wirtschaft sieht Lagarde deshalb bestenfalls eine Phase der Stagnation. Ein kräftiger Wachstumsschub ist aus ihrer Perspektive unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht zu erwarten.

Die deutsche Industrie muss sich gleichzeitig an höhere Energiekosten, veränderte internationale Handelsbeziehungen und eine neue geopolitische Lage anpassen. Gerade für exportorientierte Unternehmen bedeutet dies einen erheblichen Strukturwandel.

Allerdings bewertet Lagarde die Reaktion der deutschen Unternehmen nicht ausschließlich negativ. Die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft habe ihre Erwartungen übertroffen. Unternehmen hätten sich schneller, beweglicher und widerstandsfähiger auf die veränderten Bedingungen eingestellt als zunächst angenommen.

Europa sucht einen neuen wirtschaftlichen Kurs

Lagardes Analyse beschränkt sich dabei nicht auf Deutschland. Auch Europa insgesamt müsse sich auf eine veränderte internationale Ordnung einstellen.

Die EZB-Präsidentin beschreibt Europa als möglicherweise stärker auf sich selbst gestellt. Gleichzeitig betont sie den Wert eines gemeinsamen europäischen Vorgehens.

Europa sei nun „vielleicht alleine in der Welt, aber wir sind zusammen“.

Diese Aussage verdeutlicht das Spannungsfeld, in dem die Europäische Union derzeit steht: Einerseits nimmt die wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeit von anderen Regionen ab beziehungsweise muss neu organisiert werden. Andererseits soll die Zusammenarbeit innerhalb Europas enger werden, um die Folgen dieser Veränderungen abzufedern.

Hohe Preise treffen auf strukturelle Probleme

Die Warnungen Lagardes fallen in eine Zeit, in der Verbraucher bereits mit erheblich gestiegenen Lebenshaltungskosten kämpfen. Besonders Energie und Kraftstoffe können dabei eine Kettenreaktion auslösen.

Steigende Öl- und Dieselpreise verteuern Transport und Produktion. Unternehmen geben einen Teil dieser Mehrkosten häufig an ihre Kunden weiter. Dadurch können Energiepreisschocks über mehrere Wirtschaftsstufen hinweg auf die allgemeine Preisentwicklung durchschlagen.

Gleichzeitig muss die EZB zwischen der Bekämpfung der Inflation und der Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung abwägen. Zu hohe Zinsen können Investitionen und Nachfrage bremsen, während eine zu lockere Geldpolitik bei anhaltendem Preisdruck neue Inflationsrisiken schaffen kann.

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