Gaspreis erreicht höchsten Stand seit Jahren
Am europäischen Erdgasmarkt wächst die Nervosität. Der Preis für Erdgas hat inzwischen den höchsten Stand seit Ende 2022 erreicht. Ausschlaggebend sind vor allem die vergleichsweise niedrigen Füllstände der europäischen Gasspeicher sowie wachsende Unsicherheiten beim Angebot von Flüssigerdgas (LNG) aus dem Nahen Osten.

Der niederländische TTF-Kontrakt, der als maßgeblicher Referenzpreis für Erdgas in Europa gilt, lag im frühen Handel bei 79,21 Euro je Megawattstunde. Damit blieb der Preis zunächst unverändert. Am Vortag hatte der Kontrakt allerdings zeitweise die Marke von 80 Euro je Megawattstunde überschritten.
Die Entwicklung zeigt, wie empfindlich der europäische Gasmarkt derzeit auf mögliche Störungen bei der Versorgung reagiert.
Speicher füllen sich deutlich langsamer als üblich
Besonders aufmerksam beobachten Händler und Energieunternehmen die europäischen Gasreserven. Die Speicher in der Europäischen Union sind derzeit zu rund 67 Prozent gefüllt. Zum Vergleich: Der Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre liegt für diesen Zeitpunkt bei etwa 84 Prozent.
Damit klafft eine erhebliche Lücke zwischen dem aktuellen Speicherstand und dem langjährigen Mittel. Gerade mit Blick auf die bevorstehende Heizsaison kann dieser Unterschied entscheidend werden.
Je näher die kalten Monate rücken, desto stärker steigt normalerweise der Gasverbrauch. Haushalte benötigen mehr Energie zum Heizen, gleichzeitig bleibt der Bedarf der Industrie bestehen. Sind die Speicher dann weniger gut gefüllt, muss ein größerer Teil des laufenden Verbrauchs durch zusätzliche Importe gedeckt werden.
Das macht den Markt anfälliger für plötzliche Versorgungsprobleme und heftige Preisausschläge.
LNG wird zum entscheidenden Faktor
Eine wichtige Rolle spielt dabei Flüssigerdgas. Europa ist bei der Gasversorgung zunehmend auf LNG-Lieferungen angewiesen, die über spezielle Terminals importiert und anschließend in das europäische Gasnetz eingespeist werden.
Störungen bei der LNG-Versorgung im Nahen Osten verschärfen deshalb die Unsicherheit. Bereits kleinere Veränderungen beim verfügbaren Angebot können erhebliche Auswirkungen auf die internationalen Märkte haben, wenn gleichzeitig mehrere Abnehmer um dieselben Ladungen konkurrieren.
Für Europa wird die Situation zusätzlich kompliziert, weil LNG nicht ausschließlich auf dem europäischen Markt gefragt ist. Auch asiatische Länder benötigen große Mengen des Energieträgers.
Europa konkurriert mit Asien um Gaslieferungen
Ein wichtiger Hinweis auf diese Konkurrenz ist der zunehmende Preisabstand zwischen dem europäischen TTF und dem asiatischen JKM-Preis. JKM gilt als Referenz für den Spotmarkt für LNG in Asien.
Steigen die LNG-Preise in Asien stärker als in Europa, können sich Lieferungen in Richtung asiatischer Abnehmer wirtschaftlich stärker lohnen. Europa muss dann unter Umständen höhere Preise bieten, um LNG-Ladungen für den eigenen Markt zu sichern.
Der wachsende Abstand zwischen den beiden Preisindikatoren signalisiert daher nicht nur eine Veränderung der Marktpreise. Er verdeutlicht auch den zunehmenden internationalen Wettbewerb um verfügbares Flüssigerdgas.
Heizsaison erhöht das Risiko
Der Zeitpunkt der Preisbewegung ist besonders relevant. Mit dem bevorstehenden Beginn der Heizperiode steht dem europäischen Energiemarkt eine Phase bevor, in der die Nachfrage nach Erdgas wieder deutlich steigen kann.
Die niedrigen Speicherstände treffen somit auf einen potenziell höheren Verbrauch. Sollte gleichzeitig das internationale LNG-Angebot eingeschränkt bleiben, könnte sich der Druck auf die europäischen Gaspreise weiter verstärken.
Ein solcher Markt ist besonders empfindlich gegenüber unerwarteten Ereignissen. Lieferausfälle, technische Probleme an LNG-Anlagen oder eine plötzlich steigende Nachfrage können bereits ausreichen, um die Preise deutlich zu bewegen.
Neue Preissprünge werden wahrscheinlicher
Die aktuelle Entwicklung bedeutet nicht automatisch, dass Europa im Winter tatsächlich mit einem Gasmangel konfrontiert wird. Sie zeigt jedoch, dass die Ausgangslage weniger komfortabel ist als im Durchschnitt der vergangenen Jahre.
Der entscheidende Faktor wird sein, wie schnell die Speicher weiter aufgefüllt werden können und wie zuverlässig zusätzliche LNG-Mengen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig müssen europäische Abnehmer den Wettbewerb mit den asiatischen Märkten im Blick behalten.
Sollten die LNG-Preise in Asien weiter steigen und dadurch zusätzliche Ladungen dorthin gelenkt werden, könnte sich die Beschaffung für Europa schwieriger und teurer gestalten.
Der europäische Gasmarkt geht damit mit einem deutlich erhöhten Risiko für Preisvolatilität in die entscheidende Phase vor der Heizsaison.