Rücktritt des Premierministers löst Machtwechsel in London aus
Der Rückzug von Keir Starmer markiert den nächsten Einschnitt in einer britischen Politik, die seit Jahren von Instabilität, Führungswechseln und wachsender Nervosität geprägt ist. Der Premierminister kündigte an, als Vorsitzender der regierenden Labour Party zurückzutreten und einen geordneten Übergang zu seinem Nachfolger zu ermöglichen. Damit verliert Großbritannien erneut einen Regierungschef nach vergleichsweise kurzer Zeit. Besonders bemerkenswert ist das, weil Labour erst vor weniger als zwei Jahren einen Erdrutschsieg errungen hatte.
Starmer erklärte, er werde im Amt bleiben, bis ein neuer Parteichef gewählt sei. Der Zeitplan steht bereits. Die Nominierungen sollen am 9. Juli beginnen und vor der Sommerpause des Parlaments am 16. Juli schließen. Der Führungswechsel soll abgeschlossen sein, bevor die Abgeordneten am 1. September zurückkehren. Damit versucht Labour, einen offenen Machtkampf zu vermeiden und den Wechsel noch über den Sommer hinweg zu ordnen.
Der Druck auf Starmer war seit Wochen deutlich gewachsen
Der Rücktritt kommt nicht aus heiterem Himmel. Seit Anfang Mai war der Druck auf Starmer massiv gestiegen. Auslöser waren schwere Verluste der Labour Party bei Kommunal- und Regionalwahlen. Hinzu kamen mehrere Rücktritte aus der Regierung. Die Parteiführung wirkte dadurch nicht mehr wie ein stabiles Machtzentrum, sondern wie ein Lager, das zunehmend die Kontrolle über die politische Stimmung verlor.
Die Wahlverluste waren besonders bitter, weil sie als inoffizielles Urteil über Starmer gewertet wurden. Labour verlor bei den Auszählungen fast 1.500 Mandate, während Reform UK mehr als 1.400 dazugewann. Auch die Konservativen schnitten schlecht ab, und die Grünen legten in urbanen Zentren und Universitätsstädten deutlich zu. In Schottland und Wales brach Labour zusätzlich ein. Besonders hart traf die Partei das Ergebnis in Wales, wo sie ihre Dominanz nach rund einem Jahrhundert verlor.
Andy Burnham rückt in die Poleposition
Im Zentrum der Nachfolgefrage steht nun Andy Burnham. Innerhalb der Partei gilt er für viele bereits als Favorit. Burnham kehrte erst vor kurzem nach einem überzeugenden Nachwahlsieg ins Parlament zurück und soll am Montag als Abgeordneter vereidigt werden. Schon seine Ankunft in London wurde wie der Beginn einer neuen Machtphase inszeniert. Er reiste mit dem Zug aus Manchester Piccadilly an, wo ihn Unterstützer verabschiedeten.
Burnham bestätigte selbst, dass er antreten will. Er erklärte: „I will put myself forward as part of this process.“ Zuvor hatte er Starmer für dessen Amtszeit gelobt und geschrieben: „His decision marks the beginning of a transition and it is important that this process is conducted in an orderly and responsible way.“ Das ist höflich formuliert, zeigt aber zugleich: Burnham sieht den Übergang bereits als laufenden Vorgang, in dem er selbst eine zentrale Rolle spielen will.
Burnham verkörpert ein anderes Labour-Modell
Politisch steht Burnham für einen Kurs, der innerhalb von Labour seit Jahren diskutiert wird. Er hat seine Marke über fast ein Jahrzehnt als Bürgermeister von Greater Manchester aufgebaut und spricht von „Manchesterism“. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Großbritannien zu stark auf London zugeschnitten sei und Regionen mehr Kontrolle über Wohnungsbau, Verkehr, Versorgung und Bildung erhalten müssten.
Burnham beschreibt seinen Ansatz als „business-friendly socialism“. Er will an den fiskalischen Regeln der Partei festhalten und zugleich versprechen, arbeitende Menschen nicht mit höheren Steuern zu belasten. Gleichzeitig spricht er sich für stärkere öffentliche Kontrolle über Versorger aus und hält bei angeschlagenen Unternehmen wie Thames Water sogar öffentliche Eigentumsformen für denkbar. In der Migrationspolitik unterstützt er Teile der jüngeren Begrenzungsmaßnahmen, fordert aber, dass Menschen, die bereits in Großbritannien leben, während der Prüfung ihrer Fälle arbeiten dürfen.
Die Regeln für die Nachfolge sind streng
Wer Starmer beerben will, muss zunächst hohe Hürden überwinden. Jeder Bewerber benötigt die Unterstützung von mindestens 20 Prozent der Labour-Abgeordneten. Da Labour derzeit 403 Sitze im Unterhaus hält, entspricht das 81 Abgeordneten, einschließlich des Kandidaten selbst. Hinzu kommen Mindestschwellen bei Parteiorganisationen vor Ort und bei angeschlossenen Organisationen wie den Gewerkschaften.
Sollte nur ein Kandidat diese Hürden nehmen, wäre die Entscheidung sofort gefallen. Dann würde diese Person ohne Gegenwahl Parteichef und automatisch auch Premierminister. Kommen mehrere Bewerber durch, würden die Labour-Mitglieder und angeschlossenen Unterstützer abstimmen. Gerade deshalb ist die aktuelle Dynamik so wichtig. Wenn sich der Parteiapparat früh hinter Burnham versammelt, könnte aus einem Wettbewerb eher eine Krönung werden.
Wes Streeting verzichtet und stärkt Burnham
Ein wichtiger Schritt in diese Richtung kam bereits von Wes Streeting, der im Mai aus Starmers Kabinett ausgeschieden war. Er kündigte an, Burnham zu unterstützen, statt selbst zu kandidieren. Streeting warb ausdrücklich dafür, auf einen langen internen Machtkampf zu verzichten. Er erklärte: „We could spend the summer exaggerating small differences, or we can roll up our sleeves and help [Burnham] to deliver the change our party and our country needs.“
Diese Intervention ist politisch bedeutsam. Sie sendet das Signal, dass ein Teil der Parteispitze keine wochenlange Selbstzerlegung will. Stattdessen soll schnell Geschlossenheit hergestellt werden. Dass sogar Kemi Badenoch von den Konservativen den Vorgang mit dem spöttischen Satz „If you’re not running, what are we waiting for?“ kommentierte, zeigt, wie offen die Machtfrage inzwischen bereits verhandelt wird.
Großbritanniens Politik bleibt im Dauerzustand der Unruhe
Starmers Rücktritt reiht sich in eine bemerkenswerte Serie britischer Führungswechsel ein. Seit 2015, also seit den letzten Monaten der Ära David Cameron, hatte das Vereinigte Königreich bereits sechs Premierminister, während Kanada im selben Zeitraum nur zwei hatte. Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung war der Rücktritt Camerons nach dem Brexit-Referendum 2016. Seitdem erlebt das Land eine Phase fast ununterbrochener politischer Erschütterungen.
Zu den wichtigsten Belastungsfaktoren gehörten:
- der Brexit
- die Pandemie
- die Lebenshaltungskrise
- wirtschaftliche Schwäche
- Konflikte um Migration
- Vertrauensverlust in die politischen Parteien
Diese Mischung hat das Land tief verunsichert. Auch Starmer konnte sich ihr letztlich nicht entziehen. Zwar gewann er 2024 mit großer Mehrheit, doch viele Labour-Abgeordnete siegten nur knapp. Als wirtschaftliche Probleme und Streitfragen im Alltag spürbar blieben, kippte die Stimmung vieler Wähler schnell wieder.
Der Mandelson-Skandal verschärfte die Krise zusätzlich
Zum politischen Druck kam ein weiterer Skandal hinzu. Starmer geriet im Frühjahr wegen der Ernennung von Peter Mandelson zum Botschafter in den Vereinigten Staaten unter Beschuss. Hintergrund war, dass das Außenministerium ein gescheitertes Sicherheitsprüfverfahren übergangen haben soll, obwohl Mandelson Verbindungen zum verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein nachgesagt wurden.
Starmer erklärte, er sei nie darüber informiert worden, dass Mandelson die Überprüfung nicht bestanden habe, und nannte die Situation „completely unacceptable“.“ Trotzdem löste der Vorgang weitere Rücktritte aus, darunter auch den Abgang des ranghöchsten Beamten im Außenministerium. Damit bekam eine ohnehin angeschlagene Regierung zusätzlich den Eindruck von Kontrollverlust und innerer Auflösung.
Labour sucht nun nicht nur einen Chef, sondern Stabilität
Der Führungswechsel bei Labour ist deshalb mehr als ein Personalwechsel. Die Partei sucht nach einer Figur, die nicht nur das Amt übernimmt, sondern wieder politische Richtung, Autorität und Ruhe ausstrahlt. Burnham gilt vielen als geeignet, weil er außerhalb Londons ein eigenständiges Profil entwickelt hat und innerhalb der Partei über breite Sympathien verfügt. Doch auch ein schneller Machtwechsel löst die tieferen Probleme nicht automatisch.
Die entscheidenden Daten dieser Übergangsphase sind klar:
- Rücktritt von Keir Starmer als Labour-Chef
- Nominierungen ab 9. Juli
- Fristende vor dem 16. Juli
- Abschluss des Verfahrens vor dem 1. September
- mindestens 81 Labour-Abgeordnete als Unterstützer nötig
- möglicher Automatismus ins Amt des Premierministers
Labour steht damit an einer Wegscheide. Der Rücktritt Starmers beendet eine kurze, konfliktreiche Amtszeit. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt jedoch erst mit der Frage, ob sein Nachfolger die Partei wieder zusammenführen und das Land aus einer fast chronischen politischen Unruhe herausführen kann.