Russlands Tankstellen geraten unter Druck

Juni 17, 2026
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In immer mehr Regionen werden Benzin und Diesel knapp

In Russland verschärft sich die Versorgungskrise bei Benzin und Diesel spürbar. Inzwischen haben 25 Regionen den Verkauf von Kraftstoff eingeschränkt. Betroffen sind nicht nur abgelegene Gebiete, sondern auch große Zentren wie Moskau und St. Petersburg. Die Engpässe reichen von Zentralrussland über den Nordwesten bis nach Sibirien und in den Fernen Osten. Damit ist aus einem regionalen Problem längst eine landesweite Belastung geworden.

Die Liste der betroffenen Regionen ist lang. Genannt werden unter anderem die Oblaste Rjasan und Orjol, außerdem Pskow, Nowgorod, Karelien an der finnischen Grenze und Murmansk am Polarkreis. Auch in den Grenzregionen Kursk, Belgorod und Woronesch wird Kraftstoff knapp. Hinzu kommen weit entfernte Gebiete wie Krasnojarsk, Tomsk und sogar Kamtschatka. Die Versorgungskrise trifft das Land also von Westen bis Osten.

Die Landwirtschaft schlägt Alarm

Besonders heikel ist die Lage für die russische Agrarwirtschaft. Ohne Diesel stehen Traktoren, Mähdrescher und Transportfahrzeuge still. Genau davor wird inzwischen offen gewarnt. ntv-Korrespondent Rainer Munz berichtete aus Moskau: „In Irkutsk in Sibirien hat ein Abgeordneter der Kremlpartei Einiges Russland gesagt, dass man die Landwirtschaft dichtmachen könne, wenn man nicht jetzt Diesel bekomme.“ Munz ergänzte: „Nicht nur in Sibirien, auch im Süden Russlands hat die Landwirtschaft Probleme.“

Diese Aussagen verdeutlichen, dass die Krise weit über genervte Autofahrer an Tankstellen hinausgeht. Wenn Landwirtschaft und Logistik nicht mehr zuverlässig mit Treibstoff versorgt werden, trifft das zentrale Teile der russischen Binnenwirtschaft. Gerade in einem Flächenstaat wie Russland ist eine funktionierende Dieselversorgung kein Nebenthema, sondern eine Grundvoraussetzung.

Angriffe auf Raffinerien zeigen offenbar Wirkung

Als Hauptursache der Krise gelten die Angriffe der Ukraine auf zentrale Teile der russischen Ölindustrie. Seit Monaten nehmen ukrainische Streitkräfte Raffinerien, Öldepots, Treibstofflager und Terminals ins Visier. Laut einem Bericht wurden allein im Mai acht der zehn größten Raffinerien Russlands beschädigt. Einige Anlagen seien sogar mehrfach getroffen worden.

Die Folgen sind gravierend. Nach den Angriffen mussten verschiedene Raffinerien ihre Produktion oder ihre Auslieferungen teilweise oder vollständig einstellen. Wie lange Reparaturen dauern, hängt vom jeweiligen Schaden ab. Genau daraus entsteht der Engpass. Wenn wichtige Knotenpunkte der Treibstoffversorgung gleichzeitig ausfallen, gerät selbst ein großes Land wie Russland rasch unter Druck.

Nach Einschätzung des Wirtschaftsexperten Igor Lipsiz ist die Lage dramatisch. Laut Munz sagt er, „Ein Drittel von dem, was Russland produzieren und raffinieren kann, ist weg.”. Zugleich spricht er von der „schlimmsten Treibstoffkrise in Russland seit 21 Jahren“.

Millionen Menschen sind von Rationierungen betroffen

Die Größenordnung der Krise ist erheblich. Schätzungen zufolge ist inzwischen ein Drittel bis die Hälfte der russischen Bevölkerung direkt oder indirekt von Rationierungen betroffen. In vielen Regionen dürfen Autofahrer nicht mehr frei tanken, sondern nur noch begrenzte Mengen abnehmen.

Besonders deutlich zeigt sich das bei der Tankstellenkette Tatneft, der fünftgrößten Tankstellenkette Russlands. Das Unternehmen bestätigte, dass an seinen 800 Tankstellen im Land vorerst nur noch 30 Liter Benzin oder 60 Liter Diesel pro Kunde verkauft werden. Wie lange diese Beschränkungen gelten, ist unklar.

Auch aus Städten wie Samara, rund 1000 Kilometer südöstlich von Moskau, werden massive Probleme gemeldet. Dort soll es an vielen Tankstellen tagelang kein Benzin mehr gegeben haben. Ähnliche Berichte kommen aus Millionenstädten wie Kasan und Nischni Nowgorod. In staatlichen russischen Medien wird das Thema zwar kaum behandelt, doch die Realität an den Zapfsäulen lässt sich nicht mehr verbergen.

Auf der Krim eskaliert die Lage besonders stark

Noch drastischer ist die Situation auf der von Russland annektierten Krim. Dort beschränkten die Besatzungsbehörden den Benzinverkauf bereits Ende Mai. Anfangs spielten sich an den Tankstellen chaotische Szenen ab. Wer rechtzeitig ankam und genügend Geld dabeihatte, kaufte so viel Treibstoff wie möglich. Teilweise waren Vorräte schon nach einer Stunde vollständig aufgebraucht.

Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, führte die Besatzungsverwaltung später ein Coupon-System ein. Ohne Coupon gab es keinen Kraftstoff, und selbst mit Coupon waren nur 20 Liter erlaubt. Doch auch dieses System scheiterte. Bereits am 4. Juni wurde mitgeteilt, dass auf absehbare Zeit keine neuen Coupons mehr verkauft oder ausgegeben würden.

In der Hafenstadt Sewastopol versuchten die Behörden einen anderen Weg. Dort sollten Autofahrer über den staatlichen russischen Messenger Max einen QR-Code erzeugen, der zum sofortigen Kauf von Benzin oder Diesel berechtigte. Doch auch dieses Verfahren änderte wenig. Berichten zufolge war die tägliche Kraftstoffquote innerhalb von Sekunden ausverkauft. Einige Bewohner der Krim fahren inzwischen 300 Kilometer weit bis nach Krasnodar, nur um überhaupt noch tanken zu können.

Tourismus und Feriengeschäft geraten unter Druck

Die Kraftstoffkrise trifft nicht nur Transport und Landwirtschaft, sondern zunehmend auch den Tourismus. Die Krim gilt im Sommer als beliebtes Urlaubsziel für russische Reisende. Doch ohne verlässliche Versorgung mit Benzin und Diesel wird selbst der Ferienverkehr problematisch.

Branchenexperten rechnen deshalb damit, dass in diesem Jahr drei bis vier Millionen Touristen ausbleiben könnten. Berichtet wird von zahlreichen Stornierungen und sinkenden Buchungszahlen. Als ein Grund dafür wird ausdrücklich die unsichere Treibstoffversorgung genannt. Die Krise erreicht damit nun auch den Freizeit und Reisesektor und fällt ausgerechnet in die für Russland wichtige Urlaubssaison.

Moskau spricht von Wartung statt von Angriffen

Offiziell versucht die russische Führung, die Krise herunterzuspielen. Anfang Juni erklärte der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg, die geringere Ölförderung liege an „außerplanmäßiger Wartung“ mehrerer Raffinerien. Ukrainische Angriffe nannte er nicht als Ursache.

Gleichzeitig wurde jedoch im russischen Energieministerium ein neuer Krisenstab eingerichtet, der die stabile Versorgung des Landes sichern soll. Schon dieser Schritt zeigt, dass die Probleme erheblich sein müssen. Denn wenn die Lage tatsächlich nur auf gewöhnliche Wartungsarbeiten zurückginge, wäre ein solcher zusätzlicher Apparat kaum nötig.

Der zweite Sommer in Folge beginnt mit Treibstoffmangel

Fest steht bereits jetzt, dass die Ukraine es den zweiten Sommer in Folge geschafft hat, in Russland eine spürbare Benzin- und Dieselknappheit auszulösen. Im vergangenen Jahr trafen die Auswirkungen die Russen vor allem im August, also mitten in der Urlaubssaison. Diesmal beginnen die Probleme deutlich früher. Das macht die Lage für Moskau umso unangenehmer.

Die wichtigsten Fakten im Überblick:

  • 25 russische Regionen haben den Verkauf von Kraftstoff eingeschränkt
  • im Mai wurden 8 der 10 größten Raffinerien beschädigt
  • Tatneft begrenzt den Verkauf an 800 Tankstellen
  • erlaubt sind dort nur 30 Liter Benzin oder 60 Liter Diesel
  • auf der Krim gab es zeitweise nur 20 Liter pro Coupon
  • der Tourismussektor rechnet mit 3 bis 4 Millionen fehlenden Urlaubern

Die Krise zeigt damit nicht nur die Verwundbarkeit der russischen Ölversorgung, sondern auch, wie stark ukrainische Angriffe inzwischen bis in den russischen Alltag hineinwirken. Was lange wie ein militärisches Randthema erschien, ist längst zu einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problem geworden, das sich immer schwieriger verbergen lässt.

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