Der internationale Ölmarkt gerät durch die militärische Eskalation am Persischen Golf erneut massiv unter Druck. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent stieg am Morgen erstmals seit Juli wieder über die psychologisch wichtige Marke von 100 US-Dollar. Zwischenzeitlich verteuerte sich Brent um 2,2 Prozent auf 100,07 Dollar. Anschließend gab der Preis zwar etwas nach, blieb aber in unmittelbarer Nähe der entscheidenden Schwelle.

Auch die US-Sorte WTI legte deutlich zu und erreichte mit einem Plus von 1,8 Prozent rund 94,73 Dollar je Barrel.

Hinter dem Preissprung steht vor allem die wachsende Sorge, dass die militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und Iran den internationalen Öltransport zunehmend beeinträchtigen könnten. Für die Märkte ist dabei insbesondere die Straße von Hormus von entscheidender Bedeutung.
Neue Angriffe verschärfen die Unsicherheit
Die jüngste Preisbewegung erfolgte nach einer weiteren Eskalation der militärischen Auseinandersetzungen. Nach Angaben des US-Militärs wurden als Reaktion auf einen iranischen Angriff auf ein US-Kriegsschiff fünf iranische Rohöltanker zerstört, einer davon wurde demnach versenkt.
Der Iran reagierte nach eigener Darstellung mit schweren Raketenangriffen auf Jordanien, das mit den Vereinigten Staaten verbündet ist. Nach Angaben der staatlichen jordanischen Nachrichtenagentur Petra fing das jordanische Militär 20 ballistische Raketen ab.
Gleichzeitig erklärten die iranischen Revolutionsgarden, erneut mehrere Schiffe im Umfeld der Straße von Hormus angegriffen zu haben.
Damit wächst die Sorge, dass aus den militärischen Auseinandersetzungen zunehmend ein direktes Risiko für die weltweiten Energieversorgungsketten entsteht.
Hormus wird zum neuralgischen Punkt
Die Bedeutung der Straße von Hormus für den globalen Ölmarkt kann kaum überschätzt werden. Die Meerenge zwischen Iran und Oman verbindet den Persischen Golf mit den internationalen Weltmeeren und gehört zu den wichtigsten Transportwegen für Energierohstoffe.
Besonders exponiert sind die großen Erdölproduzenten am Persischen Golf. Dazu gehören neben Iran unter anderem:
- Saudi-Arabien
- Irak
- Kuwait
- Katar
- Bahrain
- Vereinigte Arabische Emirate
Vor Beginn des Krieges wurde nahezu die gesamte Ölexportmenge dieser Staaten über diese wichtige Wasserstraße transportiert. Rund 20 Prozent der weltweiten Öltransporte passierten täglich die Meerenge.
Schon eine teilweise Unterbrechung kann deshalb erhebliche Auswirkungen auf Angebot, Transportkosten und Preisbildung haben.
Sechs Monate Krieg erhöhen den Druck
Die jüngsten Entwicklungen sind keine isolierten Zwischenfälle. Bereits in den vergangenen Tagen und Wochen kam es wiederholt zu Angriffen auf Öltanker und andere Schiffe.
Zusätzliche Sorgen lösten Angriffe der mit Iran verbundenen Huthi-Miliz aus. Dabei wurden nach den vorliegenden Angaben auch Energieanlagen in Saudi-Arabien getroffen.
Je länger die militärischen Auseinandersetzungen andauern, desto größer wird das Risiko, dass Unternehmen ihre Transportwege verändern müssen. Tanker könnten bestimmte Gebiete meiden, längere Routen wählen oder ihre Fahrten verschieben.
Das erhöht nicht nur die Unsicherheit über die tatsächliche Verfügbarkeit von Öl. Auch Versicherungen, Frachtraten und Transportzeiten können dadurch teurer werden.
Umleitungen reichen offenbar nicht aus
Seit Beginn des Konflikts gibt es Versuche, einen Teil der Transporte über alternative Wege abzuwickeln. Dazu gehören unter anderem Pipelines und Transporte per Lastwagen.
Nach Einschätzung von Marktbeobachtern reichen diese Möglichkeiten jedoch nicht aus, um die normalerweise über die Seewege abgewickelten Mengen vollständig zu ersetzen.
Das Problem ist die Größenordnung des betroffenen Handels. Wenn ein erheblicher Anteil der weltweiten Ölversorgung über einen einzigen strategischen Korridor läuft, können alternative Transportwege die Ausfälle nur begrenzt kompensieren.
Für den Ölmarkt zählt deshalb nicht allein die Frage, wie viel Öl produziert wird. Entscheidend ist auch, ob dieses Öl tatsächlich zu den Verbrauchern transportiert werden kann.
China erhöht seine Nachfrage wieder
Zusätzlichen Druck könnte die Entwicklung in China erzeugen. Nach Angaben der Financial Times sollen chinesische Käufer ihre Nachfrage nach Öl aus dem Nahen Osten wieder deutlich erhöht haben.
Zu Beginn des Konflikts hatten chinesische Abnehmer ihre Einkäufe angesichts des starken Preisanstiegs zunächst um etwa ein Drittel reduziert und stattdessen auf vorhandene Reserven zurückgegriffen.
June Goh, Analystin bei Sparta Commodities, erklärte jedoch, dass China seinen Bedarf nicht dauerhaft allein mit russischem und iranischem Öl decken könne. Deshalb kaufe das Land nun wieder verstärkt saudisches Öl.
Sollte die chinesische Nachfrage weiter steigen, während gleichzeitig Lieferungen aus dem Nahen Osten gefährdet sind, könnte sich der Wettbewerb um verfügbares Rohöl weiter verschärfen.
Analysten rechnen mit noch höheren Preisen
Die aktuelle Entwicklung hat bereits mehrere Banken dazu veranlasst, ihre Ölpreisprognosen nach oben zu korrigieren. Dazu gehören unter anderem Goldman Sachs, Bank of America und HSBC.
Ein Manager eines großen Ölhandelsunternehmens formulierte die Erwartung besonders deutlich: „Die Preise werden weiter steigen.“ Entscheidend sei lediglich, „ob es ein langsamer oder ein schneller Zug ist“.
Noch drastischer fällt die Einschätzung von Daan Struyven, Co-Leiter der globalen Rohstoffforschung bei Goldman Sachs, aus. Für den Fall einer weiteren Verschärfung erklärte er: „In einem Aufwärtsszenario, in dem sich die Angriffe auf Schiffe ausweiten und intensivieren, sehen wir Brent potenziell bei 120 Dollar.“
Damit steht eine Marke im Raum, die deutlich über dem aktuellen Niveau liegt.
126 Dollar waren bereits erreicht
Der derzeitige Anstieg bewegt sich zudem noch nicht auf dem höchsten Preisniveau, das im laufenden Marktgeschehen bereits beobachtet wurde.
Brent hatte Mitte Juli kurzfristig die Marke von 100 Dollar überschritten. Das bisherige Jahreshoch von ungefähr 126 Dollar je Barrel wurde nach den vorliegenden Angaben bereits Ende April erreicht.
Die Distanz zwischen knapp 95 Dollar bei WTI, rund 100 Dollar bei Brent und dem bisherigen Höchststand von 126 Dollar zeigt, wie schnell sich die Preislandschaft verändern kann, wenn geopolitische Risiken unmittelbar die Energieversorgung bedrohen.
Hohe Ölpreise nähren neue Inflationssorgen
Ein dauerhaft teureres Barrel Rohöl hätte Folgen weit über die Tankstelle hinaus. Öl ist ein grundlegender Kostenfaktor für Transport, Produktion, Logistik und zahlreiche industrielle Prozesse.
Die Marktanalystin Priyanka Sachdeva von Phillip Nova warnte deshalb: „Ein Preis von 100 Dollar für Brent sollte nicht nur als psychologischer Meilenstein betrachtet werden. Dies ist ein Warnsignal für die gesamte Wirtschaft.“
Steigende Energiepreise können Unternehmen dazu zwingen, höhere Kosten an Kunden weiterzugeben. Dadurch können sich Preissteigerungen bei Waren und Dienstleistungen verstärken.
Besonders problematisch wäre ein solcher Effekt für Volkswirtschaften, die stark von Energieimporten abhängig sind.
Europas Konjunktur gerät zusätzlich unter Druck
Auch Andreas Lipkow, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets, sieht erhebliche Risiken. „Die potenziellen Folgeeffekte steigender Energiepreise erhöhen einerseits die Risiken für die Konjunktur in Europa und den USA direkt und andererseits den Druck auf die Notenbanken, die Inflationsgefahren mit geldpolitischen Straffungen in Schach zu halten“, erklärte er.
Damit entsteht ein schwieriges wirtschaftspolitisches Spannungsfeld: Hohe Energiepreise können das Wirtschaftswachstum bremsen und gleichzeitig die Inflation erhöhen.
Für die Notenbanken wird es dadurch schwieriger, den richtigen Kurs zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturunterstützung zu finden.
DAX fällt deutlich zurück
Die Unsicherheit an den Energiemärkten blieb auch an den Aktienbörsen nicht ohne Folgen. Der deutsche Leitindex DAX geriet deutlich unter Druck.

Bis zum Mittag verlor der Index 1,1 Prozent und fiel auf rund 25.733 Punkte. Damit rutschte er klar unter die psychologisch wichtige Marke von 26.000 Punkten.
Besonders aufmerksam verfolgen Anleger deshalb die weitere Entwicklung der Energiepreise und die Reaktion der Europäischen Zentralbank. Im Mittelpunkt stehen die Frage nach der weiteren Zinspolitik und der Umgang mit den erneut zunehmenden Inflationsrisiken.
Je länger der Konflikt anhält und je stärker die internationalen Öltransporte beeinträchtigt werden, desto größer wird der wirtschaftliche Druck auf Verbraucher, Unternehmen und Finanzmärkte.