Neue Konkurrenz aus China sorgt für Unruhe
Die europäischen Zulieferer der Chipindustrie geraten an den Börsen deutlich unter Druck. Grund dafür sind neue Hinweise auf Fortschritte chinesischer Unternehmen bei der Entwicklung eigener Anlagen für die Halbleiterproduktion. Anleger befürchten, dass dadurch der Wettbewerb für europäische Anbieter deutlich härter werden könnte.
An der Börse in Amsterdam verloren die Aktien der Anlagenbauer ASML, ASM International und BE Semiconductor zeitweise bis zu 4 Prozent. Auch deutsche Unternehmen aus dem Halbleiterbereich wurden kräftig abgestraft. Die Aktien von Aixtron fielen um gut 4 Prozent, bei Siltronic ging es sogar um mehr als 6 Prozent nach unten.
China arbeitet an eigener Lithografie-Technik
Auslöser für die Nervosität ist die Nachricht über ein bislang wenig bekanntes staatliches chinesisches Unternehmen. Nach Angaben eines Insiders hat Shanghai Aishengna Electronic Technology mit der Produktion eigener Lithografie-Maschinen begonnen.
Solche Anlagen spielen bei der Herstellung von Computerchips eine zentrale Rolle. Sie übertragen Schaltkreise mithilfe von Licht auf Siliziumscheiben, sogenannte Wafer. Bei den chinesischen Maschinen kommt tief-ultraviolettes Licht (DUV) zum Einsatz.
Technologisch besteht allerdings noch ein deutlicher Abstand zu den Produkten des niederländischen Branchenführers ASML. Nach Einschätzung des Insiders erreichen die chinesischen Anlagen derzeit noch nicht die Qualität der Maschinen des europäischen Marktführers.
Auch das Nachrichtenportal „The Information“ berichtete über Fortschritte Chinas bei der Entwicklung von Anlagen für die Chipproduktion.
ASML bleibt bislang klar überlegen
Von einem technologischen Gleichstand kann derzeit also keine Rede sein. Die Lithografie-Systeme von ASML gehören zu den komplexesten Maschinen der Industrie. Sie können die Größe eines Doppeldeckerbusses erreichen und pro Anlage mehrere hundert Millionen Euro kosten.
Für die Börse ist jedoch weniger entscheidend, ob chinesische Maschinen heute bereits mit den besten europäischen Systemen mithalten können. Viel wichtiger ist die Perspektive: Sollte China seine Technologie kontinuierlich verbessern, könnte das Land seine Abhängigkeit von ausländischen Maschinenbauern langfristig deutlich reduzieren.
Das wäre für europäische Anbieter eine erhebliche Herausforderung. China ist für die Branche bislang ein wichtiger Absatzmarkt. Gleichzeitig entwickelt sich das Land immer stärker zu einem Konkurrenten bei strategisch bedeutenden Technologien.
China ist für ASML ein wichtiger Umsatzmarkt
Für ASML ist China wirtschaftlich besonders relevant. Rund ein Fünftel des Umsatzes erzielt der Konzern dort bislang mit DUV-Anlagen.
Eine zunehmende Eigenständigkeit chinesischer Chipproduzenten könnte deshalb langfristig Auswirkungen auf das Geschäft des niederländischen Konzerns haben. Je leistungsfähiger chinesische Hersteller eigene Lithografie-Maschinen produzieren, desto weniger sind heimische Chipfabriken auf ausländische Technologie angewiesen.
Noch ist allerdings offen, wie schnell die chinesischen Anbieter technologisch aufholen können. Ebenso unklar ist, ob ihre Anlagen künftig in größeren Stückzahlen produziert werden und tatsächlich eine ernsthafte Alternative zu den etablierten europäischen Systemen darstellen.
Auch deutsche Anbieter werden abgestraft
Die Kursverluste bei Aixtron und Siltronic zeigen, dass die Sorgen der Anleger nicht auf ASML beschränkt sind. Die gesamte europäische Zulieferbranche reagiert empfindlich auf Nachrichten über mögliche Veränderungen im internationalen Halbleitermarkt.


Dabei geht es nicht allein um einzelne Maschinenhersteller. Anleger beobachten auch die Entwicklung globaler Lieferketten, die technologische Unabhängigkeit Chinas und die Frage, wie sich die Nachfrage nach Halbleitern weltweit entwickelt.
Die heftigen Kursbewegungen machen deutlich, wie schnell neue Informationen über Chinas technologische Fortschritte die Bewertung europäischer Chipzulieferer beeinflussen können.
Der Kampf um die Halbleitertechnik verschärft sich
China verfolgt seit Jahren das Ziel, seine Abhängigkeit von ausländischer Technologie zu verringern. Eigene Lithografieanlagen wären dabei ein bedeutender Schritt. Fortschritte bei DUV-Systemen könnten deshalb für die chinesische Halbleiterindustrie strategisch besonders wertvoll sein.
Für europäische Maschinenbauer zeichnet sich damit ein anspruchsvolleres Wettbewerbsumfeld ab. ASML verfügt zwar weiterhin über einen erheblichen technologischen Vorsprung. Doch die Entwicklung in China zeigt, dass dieser Vorsprung nicht automatisch dauerhaft unangetastet bleibt.
Entscheidend wird sein, wie schnell chinesische Unternehmen die Qualität ihrer Maschinen verbessern, die Produktion ausweiten und die Zuverlässigkeit ihrer Systeme unter industriellen Bedingungen unter Beweis stellen können.