Der Schweizer Pharmakonzern Novartis steht nach zwei enttäuschenden Studienergebnissen innerhalb weniger Tage erheblich unter Druck. Die Börse reagierte prompt: Die Aktie verlor im frühen Handel zeitweise rund 9,5 Prozent. Für Anleger ist vor allem problematisch, dass gleich zwei potenzielle Blockbuster-Medikamente ihre entscheidenden klinischen Ziele bislang nicht erreichen konnten.
Damit wächst die Unsicherheit über die künftige Entwicklung der Medikamentenpipeline. Gleichzeitig rückt die milliardenschwere Übernahme von Avidity Biosciences stärker in den Mittelpunkt der Kritik. Denn genau aus diesem Zukauf stammt der Wirkstoff Del-Desiran, dessen entscheidende Studie nun gescheitert ist.
Ein Händler brachte die Stimmung an den Märkten auf den Punkt: „Das ist schon der zweite Studienrückschlag in einer Woche.“ Der Markt reagiere zunehmend nervös, weil dadurch „so langsam der geplante Zeitplan für kommende Blockbuster-Umsätze ins Schwanken“ gerate.

Del-Desiran verfehlt entscheidendes Studienziel
Der jüngste Rückschlag betrifft Del-Desiran, einen experimentellen Wirkstoff gegen die seltene Muskelerkrankung myotone Dystrophie Typ 1 (DM1).
In der sogenannten Harbor-Studie, einer klinischen Untersuchung in einer fortgeschrittenen Entwicklungsphase, konnte der Wirkstoff das vorab definierte Hauptziel nicht erreichen. Im Vergleich zu einem Placebo zeigte sich keine statistisch signifikante Verbesserung bei der untersuchten Fähigkeit zur Handmuskelentspannung.
Für die weitere Entwicklung ist das ein schwerwiegendes Ergebnis. Gerade in einer späten klinischen Phase sind die Erwartungen an einen Wirkstoff besonders hoch, weil bereits erhebliche finanzielle Mittel in Forschung, Entwicklung und Studien investiert wurden.
Novartis will die vorhandenen Daten nun vollständig auswerten. Anschließend soll gemeinsam mit den zuständigen Gesundheitsbehörden entschieden werden, wie mit dem Programm weiter verfahren wird.
Der medizinische Leiter von Novartis, Shreeram Aradhye, verwies auf die besonderen Schwierigkeiten bei der Entwicklung von Therapien gegen DM1. Die Entwicklung von Behandlungen für eine komplexe Erkrankung wie DM1 bleibe eine Herausforderung, Rückschläge seien Teil des wissenschaftlichen Fortschritts.
Milliardenübernahme gerät in den Fokus
Der Studienflop hat eine weitere Dimension, weil Del-Desiran Bestandteil der Übernahme von Avidity Biosciences für rund 12 Milliarden US-Dollar war.
Damit stellt sich für Investoren eine grundsätzliche Frage: Hat Novartis für das Unternehmen einen Preis bezahlt, der angesichts der nun sichtbar werdenden Entwicklungsrisiken zu hoch war?
Die Übernahme sollte die Pipeline des Schweizer Pharmakonzerns stärken und langfristig neue Wachstumsquellen schaffen. Das Scheitern eines wichtigen Wirkstoffkandidaten erhöht nun jedoch den Druck, den strategischen Wert des Zukaufs neu zu bewerten.
Analysten reagierten entsprechend kritisch. Vontobel reduzierte sein Kursziel für die Novartis-Aktie. Jefferies verwies ausdrücklich auf den Zusammenhang zwischen dem gescheiterten Wirkstoff und der 12-Milliarden-Dollar-Übernahme.
Damit geht es inzwischen nicht mehr ausschließlich um eine einzelne gescheiterte Studie. Die Diskussion reicht bis zur Frage, wie erfolgreich Novartis seine milliardenschwere Akquisitionsstrategie tatsächlich umsetzt.
Bereits der zweite Rückschlag innerhalb weniger Tage
Besonders ungünstig ist für Novartis der zeitliche Abstand zwischen den beiden Enttäuschungen. Erst kurz zuvor hatte der Konzern das Scheitern einer weiteren entscheidenden Studie bekannt gegeben.
Dabei ging es um Pelacarsen, einen gemeinsam mit dem US-Pharmakonzern Ionis Pharmaceuticals entwickelten Wirkstoff.
Pelacarsen sollte eine genetisch bedingte Form von Cholesterin reduzieren und damit das Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse senken. In einer wichtigen klinischen Studie konnte das Medikament das Risiko von schweren Herzinfarkten und Schlaganfällen jedoch nicht wie erhofft reduzieren.
Auch dieser Wirkstoff war für die langfristigen Wachstumserwartungen von Bedeutung.
Pelacarsen galt als möglicher Milliardenbringer
Die wirtschaftlichen Erwartungen an Pelacarsen waren beträchtlich. Analysten hatten dem Medikament in besonders optimistischen Szenarien einen möglichen jährlichen Umsatz von 3 bis 6 Milliarden US-Dollar zugetraut.
Das macht das Studienergebnis für Novartis besonders schmerzhaft. Ein Wirkstoff mit einem solchen Umsatzpotenzial hätte in den kommenden Jahren erheblich zum Wachstum des Konzerns beitragen können.
Nun fällt diese mögliche Einnahmequelle zumindest in der erwarteten Form weg. Zusammen mit dem Rückschlag bei Del-Desiran entsteht dadurch eine Lücke in den langfristigen Wachstumsplänen.
Für einen Pharmakonzern ist das besonders problematisch, weil die Entwicklung neuer Medikamente viele Jahre dauern kann und der Erfolg einzelner Projekte niemals garantiert ist.
Novartis hält an seinen Wachstumszielen fest
Trotz der beiden Rückschläge hat Novartis seine mittelfristige Prognose zunächst nicht verändert. Der Konzern hält weiterhin an dem Ziel fest, den Umsatz zwischen 2025 und 2030 durchschnittlich um 5 bis 6 Prozent pro Jahr zu steigern.
Damit signalisiert das Management, dass die beiden gescheiterten Entwicklungsprogramme aus seiner Sicht nicht zwangsläufig die gesamte Wachstumsstrategie gefährden.
Analysten sehen die Situation allerdings skeptischer. Jefferies stellte insbesondere die Frage, wie Novartis sein Wachstum nach 2030 ohne weitere Übernahmen aufrechterhalten könnte.
Genau darin liegt eine der größten strategischen Herausforderungen des Konzerns.
Patentabläufe erhöhen den Druck auf die Pipeline
Novartis muss seine Medikamentenpipeline ohnehin erneuern. Ein wesentlicher Grund dafür sind bevorstehende Patentabläufe wichtiger Umsatzbringer.
Pharmakonzerne profitieren bei erfolgreichen Medikamenten über Jahre von exklusiven Vermarktungsrechten. Läuft der Patentschutz aus, können Konkurrenzprodukte und später auch günstigere Nachahmermedikamente den Umsatz erheblich unter Druck setzen.
Deshalb müssen große Pharmaunternehmen kontinuierlich neue Wirkstoffe entwickeln oder erfolgreiche kleinere Unternehmen übernehmen.
Für Novartis bedeutet das: Die Pipeline muss nicht nur heute, sondern vor allem mit Blick auf die kommenden Jahre genügend Medikamente mit hohem Umsatzpotenzial hervorbringen.
Der doppelte Studienrückschlag kommt deshalb zu einem strategisch schwierigen Zeitpunkt.
Ein Hoffnungsträger bleibt erhalten
Ganz ohne positive Nachrichten steht Novartis allerdings nicht da. Einen Lichtblick liefert Remibrutinib, ein Medikament zur Behandlung von Multipler Sklerose.
Der Wirkstoff konnte erst kürzlich in einer späten Entwicklungsphase überzeugen. Dieser Erfolg ist für Novartis deshalb relevant, weil er zeigt, dass die Pipeline weiterhin über Medikamente mit erheblichem Potenzial verfügt.
Remibrutinib kann die jüngsten Enttäuschungen jedoch nicht vollständig ausgleichen. Während die erfolgreichen Studienergebnisse neue Perspektiven eröffnen, fehlen Novartis nach dem Scheitern von Pelacarsen und Del-Desiran zwei potenzielle Wachstumstreiber.
Börse reagiert deutlich auf die Unsicherheit
Die Reaktion der Anleger fiel entsprechend heftig aus. Die Novartis-Aktie verlor im frühen Handel zeitweise etwa 9,5 Prozent.
Der Kursrückgang zeigt, wie schnell sich Erwartungen an einen Pharmakonzern verändern können, wenn wichtige Studien ihre Ziele verfehlen. Bei Unternehmen dieser Größenordnung geht es dabei nicht nur um die Kosten einer einzelnen Studie. Entscheidend ist vielmehr der erwartete Wert künftiger Medikamente.
Wenn ein potenzieller Blockbuster aus der Pipeline verschwindet, müssen Anleger ihre Umsatz- und Gewinnprognosen entsprechend neu bewerten.
Genau diese Neubewertung scheint derzeit bei Novartis stattzufinden.
Die entscheidende Frage lautet: Was kommt danach?
Für Novartis geht es nun darum, die Auswirkungen der beiden Rückschläge auf die langfristige Pipeline möglichst genau zu bestimmen. Beim Wirkstoff Del-Desiran steht zunächst die vollständige Analyse der Studiendaten an. Erst danach dürfte klarer werden, ob das Entwicklungsprogramm noch eine Zukunft besitzt.
Gleichzeitig muss der Konzern zeigen, dass die übrigen Projekte der Pipeline ausreichend Potenzial besitzen, um die entstandenen Lücken zu schließen.
Besonders genau dürften Anleger dabei auf drei Punkte achten:
- Wie geht es mit Del-Desiran nach der gescheiterten Harbor-Studie weiter?
- Wie stark verändert das Scheitern von Pelacarsen die langfristigen Umsatzperspektiven?
- Kann Novartis seine Wachstumsziele trotz der beiden Rückschläge erreichen?
Hinzu kommt die strategische Frage nach weiteren Übernahmen. Wenn Novartis tatsächlich auch nach 2030 weiter wachsen will, könnten zusätzliche Zukäufe erforderlich werden. Gleichzeitig zeigt gerade der Fall Avidity, dass milliardenschwere Akquisitionen erhebliche Entwicklungsrisiken mit sich bringen.
Für den Schweizer Pharmariesen beginnt damit eine Phase, in der nicht nur einzelne Medikamente, sondern die gesamte Strategie zur Sicherung künftiger Milliardenumsätze genauer unter die Lupe genommen wird.